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F.A.Z. Woche : Wer wählt eigentlich Wilders?

Aber darum geht es Ben Koussel nicht. Aus Trotz will er Wilders wählen: „Die anderen haben es doch auch schon probiert, wieso soll man Wilders nicht auch eine Chance geben?“ Koussel war bis vor zehn Jahren bei den Sozialdemokraten, die in den Niederlanden Partei der Arbeit (PvdA) heißen. „Aber die wissen nichts von Arbeit“, sagt Koussel. Sie seien genauso „Teil der Den Haager Gang“, die Posten verteile. Die PvdA ist seit der letzten Wahl, in der sie als zweitstärkste Kraft abschnitt, in den Umfragen um fast 17 Prozentpunkte abgestürzt.

Dieser Artikel stammt aus der Frankfurter Allgemeine Woche

Wahlplakate in Venlo: „Wieso ihm nicht mal eine Chance geben?“

Gering Qualifizierte, „Self made“-Unternehmer und Ideologen

Wilders führt eine heterogene Bewegung der Unzufriedenen an, die sich aus der gesamten Gesellschaft speist. Das zeigt der niederländische Soziologe Koen Damhuis in seinem neuen Buch „Wege zu Wilders“. Er hat 64 PVV-Wähler zu langen Interviews getroffen und präsentiert eine Typologie. Zum einen seien da geringer Qualifizierte, die früher links wählten, Unternehmer und Arbeitnehmer als zweite Gruppe, die sich selbst als „self made“ verstehen und finden, dass sie zu hohe Steuern zahlen. Als dritte Gruppe stimmten die Ideologen für Wilders, die wie er den-ken und strikt gegen Einwanderung sind. Wilders war erst ein Ideologe und nebenbei ein überzeugter Liberaler, bis er sich für die sozialpopulistischen Ansätze begeisterte – und seine Bewegung breiter aufstellte. Laut Damhuis Modell ist die niederländische Gesellschaft dreigeteilt: die Eliten oben, die sich daran stören, dass sie für Migranten und sozial Schwache zahlen müssen, die durchschnittlichen Niederländer in der Mitte, die glauben, dass sie vom Wohlstand zu wenig abbekommen. Ganz unten stehen dann die Migranten und sozial Schwachen.

Es geht um Neid und Unzufriedenheit. Damit passt Wilders gut in seine Heimatregion Limburg. Sie liegt am Rande der Niederlande, die Menschen fühlen sich hier schon lange vernachlässigt. Weil die Hauptstadt und die Zentren des Landes weit weg sind, weil die Limburger und ihre Kultur selten im Fernsehen vorkommen, weil die Arbeitslosigkeit hier höher ist als im Rest des Landes und die Wirtschaft nicht ganz so brummt. Wilders ist „einer von uns“, sagen manche auf der Straße. Das kann man förmlich hören, Wilders zieht das „g“ zu einem kratzigen Laut, so wie es auch die Menschen in Limburg und Venlo tun.

Die Wahlkampftermine, die Wilders in der Provinz Limburg haben sollte, wurden vor zwei Wochen ersatzlos gestrichen. Der Politiker verbreitete zwar weiterhin seine Botschaften über Twitter, tauchte ansonsten aber öffentlich ab. Einer seiner Leibwächter soll Details über seine Sicherheit an eine marokkanische Bande weitergegeben haben. Seit zwölf Jahren steht Wilders permanent unter Polizeischutz. Auf seiner Abgeordnetenseite ist kein Wohnort vermerkt. Er unterhält angeblich mehrere Wohnungen, schläft mindestens an vier verschiedenen Orten. Aber auch wenn Wilders nicht da ist, ist er ständig Thema. In zwei Fernsehdebatten, an denen er nicht teilgenommen hat, weil er mit den Sendern auf Kriegsfuß stand, ging es den anderen Parteien um Abgrenzung zur PVV. Dabei hat Wilders sein Land, das einst als besonders liberal und weltoffen galt, schon längst verändert. Vor kurzem schrieb Ministerpräsident Mark Rutte einen Brief an „alle Niederländer“ und schilderte darin ein wachsendes Unbehagen, wenn „Menschen unsere Freiheit missbrauchen“. Eigentlich richtete Rutte sich speziell an die Migranten im Land. Ihnen rief er zu: „Verhaltet euch normal oder geht.“

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