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F.A.Z.-Interview : „Es ist leichter, Träume zu verkaufen als realistisch zu sein“

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Serbiens Präsident Boris Tadic: „Realitäten akzeptieren” Bild: AP

Die Unabhängigkeit des Kosovos hätte „gefährliche Folgen für die Stabilität des gesamten Balkans“, warnt Serbiens Präsident Boris Tadić im Gespräch mit der F.A.Z.. Außerdem beschuldigt Tadić pensionierte serbische Militärs, die Flucht des Massakergenerals Ratko Mladić zu decken.

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          An diesem Donnerstag erläutert Serbiens Präsident Boris Tadić vor der UN-Vollversammlung in New York die Position seines Landes zum Kosovo. Im Gespräch mit dem F.A.Z.-Korrespondenten Michael Martens erklärt er, warum Serbien sich gegen die Unabhängigkeit der Provinz ausspricht: „Die Folgen wären böse, nicht nur für Serbien und seine Demokratie. Das kann auch nicht im Interesse Deutschlands sein. Die Unabhängigkeit des Kosovos hätte sehr gefährliche Folgen für die Stabilität des gesamten Balkans“. Außerdem beschuldigte Tadić pensionierte serbische Militärs, die Flucht des Massakergenerals Ratko Mladić zu decken: „Ich habe den Verdacht, daß einige ehemalige Offiziere mehr mit der Flucht von Mladić zu tun haben als jene, die heute im Dienst stehen“, so Tadić .

          Laut der offiziellen Position Belgrads soll das Kosovo Teil Serbiens bleiben. Somit blieben auch die Kosovo-Albaner formal Bürger Serbiens. Ein Fünftel der Bevölkerung eines solchen Staates wäre diesem feindlich gesinnt. Ist Serbien überhaupt in der Lage, diese Last zu tragen?

          Jeder Staat hat die Verpflichtung, alles zu tun, damit die Bürger ihn als den eigenen akzeptieren. Aber unser Fall ist nicht das einzige Beispiel eines Staates, der gewisse Schwierigkeiten mit der Loyalität eines Teils seiner Bürger hat. Unsere Schwierigkeiten mit dem Kosovo sind chronisch: Die Frage der Kosovo-Albaner gab es schon im früheren Jugoslawien, und sie begann nicht erst in den neunziger Jahren, zu einem Problem zu werden. Jetzt befinden wir uns in der letzten Phase dieser Prozesses, und wir haben zwei Optionen: Eine wird von den Albanern vertreten, die andere von den offiziellen Institutionen Serbiens. Wir werden sehen, wo wir uns treffen.

          Tadic bleibt skeptisch: „Serbien hat nur eine Chance, wenn es sich öffnet”

          Belgrad bietet dem Kosovo eine umfangreiche Autonomie an. Das ist weniger, als das Kosovo laut der Verfassung von 1974 schon einmal hatte. Warum sollten die Kosovo-Albaner das akzeptieren?

          Die Autonomie, die das Kosovo nach 1974 genoß, war außerordentlich umfangreich, aber das Kosovo war nicht finanziell unabhängig. In der Verfassung von 1974 war der selbständige Zugang des Kosovos zu den internationalen Finanzinstitutionen nicht vorgesehen. Laut unserem jetzigen Vorschlag ist das möglich. Das ist ein Niveau wirtschaftlicher Unabhängigkeit, die keine andere Autonomielösung der Welt kennt.

          Fünf Tage vor seiner Ermordung im März 2003 hat sich Zoran Djindjić in seinem letzten Interview besorgt über die hohe Geburtenrate der Albaner geäußert. Djindjić sagte, ihn beschäftige die Frage, wie ein serbischer Staat mit eineinhalb Millionen Albanern aussähe, die das Recht hätten, Immobilien im Zentrum Belgrads zu kaufen.

          Diese demographischen Tendenzen sind unbestreitbare Tatsachen. Das ändert aber nichts daran, daß Serbien nur eine Chance hat, wenn es sich öffnet, wenn es eine offene Gesellschaft mit Niederlassungsfreiheit für alle und freiem Verkehr von Waren und Dienstleistungen schafft. Als geschlossene Gesellschaft hat Serbien nicht die geringste Aussicht auf eine gedeihliche Zukunft. Diese Erfahrung haben wir in den neunziger Jahren gemacht. Serbien baut an einer offenen Gesellschaft, in der jeder europäische Bürger künftig die Möglichkeit haben soll, Immobilien oder Land zu kaufen.

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