https://www.faz.net/-gpf-9sdlh

Extinction Rebellion in London : Pendler in Rage nach Blockade von Klima-Protestlern

  • -Aktualisiert am

Teilnehmer einer Demonstration der „Extinction Rebellion“ stehen auf dem Dach einer U-Bahn im Bahnhof Canning Town, der Bahnsteig ist voll, die Pendler sind aufgebracht. Bild: AP

Zur Stoßzeit blockieren Aktivisten von „Extinction Rebellion“ eine U-Bahn. Die Pendler sind aufgebracht, ziehen einen Demonstranten rabiat vom Dach einer Bahn. Der Zwischenfall polarisiert.

          3 Min.

          Trotz des Demonstrationsverbotes, welches die Stadt London gegen die Proteste der Klima- und Umweltschutzgruppe „Extinction Rebellion“ erlassen hat, kommt es zu weiteren Aktionen. Inzwischen tobt in den sozialen Medien eine heftige Kontroverse über die Methoden der Umweltaktivisten, wegen eines Vorfalls am Donnerstagmorgen. Dabei kam es im Londoner Stadtteil Canning Town zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Pendlern und Klimaaktivisten, als diese zur Hauptverkehrszeit den U-Bahn-Verkehr mit einer Protestaktion zum Erliegen brachten. Auch an den Stationen Shadwell und Startford kam es zu Zwischenfällen. Nach Angaben der Polizei waren aufgrund der Vorfälle acht Personen festgenommen worden.

          Ein Video des Vorfalls in Canning Town, welches sich auf Twitter verbreitete, zeigt, wie zwei Aktivisten auf das Dach der in der Station stehenden U-Bahn klettern, um dort ein Transparent auszubreiten, auf dem steht „Business as usual = Death“ (etwa: „Weitermachen wie gewohnt =Tod“). Aufgebrachte Pendler pfeifen und bewerfen die Protestler mit Essen. Auf dem vollen Bahnsteig entsteht Gerangel.

          Dann ist zu sehen, wie ein weiterer Mann auf den Zug klettert, nach einem der Demonstranten greift und ihn in die Menge hinabzieht. Der Demonstrant versucht, sich mit einem Tritt zu verteidigen. Die am Bahnsteig stehenden Menschen jubeln, als der Mann von der Bahn gezogen wird. Einige U-Bahn-Passagiere treten anschließend auf den am Boden liegenden Aktivisten ein. Mitarbeiter der Londoner U-Bahn versuchen den Aktivisten vor weiteren Angriffen zu schützen.

          „Das ist entsetzlich egoistisch“

          Wie der „Guardian“ berichtet, kam es auch im Ostlondoner Stadtteil Shadwell zu Blockaden im Bahnverkehr. Dort seien mehrere Demonstranten auf einen Zug geklettert, mindestens einer habe sich an einer der Zugtüren festgeklebt. Der 83 Jahre alte „Extinction Rebellion“-Aktivist, Phil Kingston, der seine Hand an die Seite des Zugwagens geklebt hat, sagte gegenüber der Tageszeitung, er tue es für seine Enkelkinder und seines christlichen Glaubens wegen: „Ich bin sehr besorgt darüber, was in den ärmeren Teilen der Welt passiert, die am stärksten vom Klimawandel betroffen sind.“

          Die Aktion polarisiert. Auf Twitter äußern sich viele Nutzer ablehnend gegenüber den Aktionen an den U-Bahn-Stationen: Das Thema sei wichtig, aber der Protest treffe in diesem Fall die Falschen, liest es sich dort. Es sei genau richtig gewesen, die Demonstrationen zu stoppen, heißt es in einem Kommentar mit mehr als 3000 Likes: „Die Aktion trifft nicht die großen Konzerne, sondern Familien mit niedrigem Einkommen der Arbeiterklasse. Das ist entsetzlich egoistisch.“ Der Ostlondoner Stadtteil Canning Town gehört zu den am stärksten benachteiligten Gebieten in England. Viele Langzeitbewohner leiden unter schlechter Gesundheit, geringer Bildung und Armut.

          Auch Londons Bürgermeister Sadiq Kahn sagte gegenüber „Sky News“, er verurteile die Art des Protests nachdrücklich. Die Aktion sei äußert gefährlich und kontraproduktiv gewesen, da sie den öffentlichen Verkehr behindere. Er forderte die Demonstranten zu friedlichen Protesten innerhalb des Gesetztes auf.

          Aktivist als Boris Johnson verkleidet klettert auf Big Ben

          Doch auch die Protestgruppe selbst spaltet sich an den Aktionen. In einer Erklärung teilte die Gruppierung mit, sie wisse um die Kontroverse der Zwischenfälle, sie sei auch in den eigenen Reihen umstritten gewesen. Zu den Beteiligten gehörten demnach ein Großvater, ein ehemaliger buddhistischer Lehrer, ein Pfarrer und ein ehemaliger Allgemeinmediziner. Das Vorgehen sei von ihnen autonom geplant worden.

          „Angesichts der heutigen Ereignisse wird „Extinction Rebellion“ nach Wegen suchen, Menschen zusammenzubringen, anstatt eine unnötige Trennung zu schaffen“, hieß es in der Stellungnahme. Später folge noch eine Entschuldigung über den Facebook-Account der Gruppe.

          Dennoch kam es auch am Freitag und Samstag zu weiteren Protestaktionen von der Umweltbewegung im Londoner Innenstadtbereich. Trotz des Anfang der Woche erlassenen Demonstrationsverbotes legten Aktivisten einen zentralen Platz in London lahm. Mit Holzstangen blockierten sie den Oxford Circus, der Verkehr kam zum Erliegen.

          Ein „Extinction Rebellion“-Protestler steht auf dem Big Ben in London

          Zudem kletterte ein Aktivist am Baugerüst des Big Ben hinauf; das Londoner Wahrzeichen ist der Glockenturm des britischen Parlamentsgebäudes. Der offenbar als Premierminister Boris Johnson verkleidete Mann enthüllte daraufhin zwei Banner, mit denen er auf das mangelnde Handeln der britischen Regierung gegen die Klimakrise aufmerksam machen wollte.

          „Extinction Rebellion“ ist eine Umweltschutzbewegung, die nach eigenen Angaben Maßnahmen der Regierung gegen die Klimakrise und das Artensterben durch zivilen Ungehorsam erzwingen will.

          Weitere Themen

          Wer wird Kanzlerkandidat? Video-Seite öffnen

          Vor dem CDU-Parteitag : Wer wird Kanzlerkandidat?

          In Leipzig wird das große Schaulaufen zwischen Annegret Kramp-Karrenbauer und Friedrich Merz erwartet. F.A.Z.-Ressortleiter Jasper von Altenbockum verrät im Video die Chancenverteilung und wen man nicht vergessen darf.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.