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Katastrophenfall in London : Furcht vor schlimmerer Corona-Lage in Großbritannien

  • Aktualisiert am

Sauerstoff-Nachschub für das Royal London Krankenhaus am Samstag, dem 9. Januar 2021 Bild: Reuters

Großbritannien befindet sich im Lockdown – und verzeichnet dennoch immer neue Rekorde bei Infektionszahlen und Todesfällen. Besonders schlimm ist die Lage in London, wo die Krankenhäuser vor dem Kollaps stehen.

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          Nach der Ausrufung des Katastrophenfalls in London wegen der hohen Auslastung der Krankenhäuser rechnen Fachleute in Großbritannien mit einer weiteren Verschärfung der Situation. Simon Walsh vom Ärzteverband British Medical Association (BMA) sagte im BBC-Fernsehen, er erwarte einen weiteren Anstieg der Zahlen, bevor sie wieder zurückgingen. Das ergebe eine Analyse der ersten Pandemiewelle im Frühjahr vergangenen Jahres.

          Großbritannien hatte am Freitag mit mehr als 68.000 neuen Corona-Infektionen und 1325 gemeldeten Todesfällen innerhalb von 24 Stunden gleich zwei traurige Rekorde verzeichnet. Besonders schlimm ist die Lage in London. Die Krankenhäuser dort sind dort nach übereinstimmenden Berichten am Anschlag. Die Bedrohung, die das Coronavirus für die Stadt darstelle, sei an einem kritischen Punkt, sagte Bürgermeister Sadiq Khan einer Mitteilung zufolge. „Wenn wir nicht unverzüglich handeln, könnte unser (Gesundheitsdienst) NHS überwältigt werden und mehr Menschen werden sterben.“

          Feuerwehrleute unterstützen bereits Krankendienste

          Die Sieben-Tages-Inzidenz liegt in London inzwischen bei mehr als 1000. Damit ist die Zahl der Neuinfektionen innerhalb einer Woche auf 100.000 Einwohner gemeint. Die Zahl der im Krankenhaus behandelten Covid-19-Patienten sei allein in der ersten Januarwoche in London um knapp ein Drittel, die Zahl der künstlich beatmeten Patienten um mehr als 40 Prozent gestiegen, hieß es in der Mitteilung des Bürgermeisters. Zur Hilfe kamen dem Gesundheitsdienst unter anderem Hunderte Feuerwehrleute, die als Fahrer von Krankenwagen eingesetzt wurden.

          Der Katastrophenfall, der im Englischen als „major incident“ bezeichnet wird, beschreibt in Großbritannien eine Situation, in der „ernsthafter Schaden, Störungen oder ein Risiko für das menschliche Leben oder Wohlbefinden, wichtige Dienstleistungen, die Umwelt oder die nationale Sicherheit“ drohen. In diesem Fall sprechen sich laut BBC Autoritäten wie die Notfalldienste, das Gesundheitsministerium oder lokale Institutionen ab und erarbeiten Strategien. „Major incident“ heißt auch, dass beispielsweise Rettungsdienste oder Krankenhäuser nicht mehr im normalen Maß reagieren können. Die letzte Warnung dieser Art wurde in London 2017 ausgesprochen, als bei einem Großbrand 72 Menschen ums Leben kamen.

          Verantwortlich für die rasche Ausbreitung des Virus machen die Regierung und Experten auch die neue, wohl ansteckendere Variante. Sie soll sich um bis zu 70 Prozent schneller ausbreiten als die bisher vorherrschende Virus-Variante. Unumstritten ist die These aber nicht: Über die zusätzlichen Risiken, die von der Corona-Viruslinie B 1.1.7 ausgehen, wird viel spekuliert. Nach weiteren Studien gibt es inzwischen einen Streit unter Londoner Forschern.

          Die Regierung hatte in der vergangenen Woche den inzwischen dritten landesweiten Lockdown ausgerufen. Doch nach Ansicht einiger Experten wird das nicht ausreichen, um die Zahl der Infektionen zu senken. Der derzeitige Lockdown sei „zu lasch“, sagte Susan Michie, Mitglied der Wissenschaftlichen Beratergruppe für Notfälle (Sage) und Professorin für Gesundheitspsychologie am Londoner University College London, am Samstag.

          Der NHS-Arzt und Aktivist Phil Hammond twitterte, das vergangene Jahr habe gezeigt, dass das Land „sehr schlecht vorbereitet“ gewesen sei - auch, um die Schäden des Pandemie-Managments abzumildern. Das liege auch daran, dass die Gesellschaft äußerst ungleich sei. Die Ärmsten kämen ein Jahrzehnt früher zu Tode und litten länger an Krankheiten. Und das sei vor Covid gewesen.

          Die Queen und Prinz Philip sind bereits geimpft

          Die Hoffnung ruht nun darauf, dass so schnell wie möglich breite Bevölkerungsschichten geimpft werden können. Am Freitag ließ die Regierung in London mit dem Impfstoff des amerikanischen Herstellers Moderna bereits das dritte Präparat zu. Bereits im Einsatz sind das Mittel von Biontech/Pfizer und der Impfstoff der Universität Oxford und des Konzerns Astra-Zeneca.

          Auch Königin Elizabeth II. (94) und ihr Mann Prinz Philip (99) erhielten bereits eine Impfung gegen das Coronavirus. Eigentlich sind Informationen zur Gesundheit der Royals strikte Privatsache. Aus Palastkreisen hieß es aber, die Queen habe Spekulationen und Falschinformationen einen Riegel vorschieben wollen.

          Bislang sind in Großbritannien nach Angaben der Regierung rund 1,5 Millionen Menschen gegen Covid-19 geimpft werden. Das Tempo der Impfkampagne soll jedoch deutlich beschleunigt werden. Ziel ist es, bis Mitte Februar den besonders gefährdeten 15 Millionen Briten eine erste Impfung anzubieten. Um das umzusetzen, wurde auch die Armee zur Hilfe gerufen. Dabei sollen nach Angaben von Premierminister Boris Johnson auch militärische Strategien zum Einsatz kommen. Er rief die Menschen jedoch dringend auf, zuhause zu bleiben.

          Insgesamt sind in Großbritannien bereits knapp 80.000 nachweislich mit dem Virus infizierte Menschen gestorben. Erfasst werden dabei nur die Fälle, die innerhalb von 28 Tagen nach einem positiven Test auftreten. Noch höher liegt die Zahl der Gestorbenen mit Covid-19 auf dem Totenschein, zusammen mit aktuellen Zahlen aus den vergangenen Tagen sind es demnach bereits etwa 95.000 Tote.

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