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Zum Tod von F.W. de Klerk : „Aus dem Kreislauf der Gewalt ausbrechen“

F.W. de Klerk im März 1992 in Kapstadt Bild: AP

Frederik Willem de Klerk, Südafrikas letzter weißer Staatspräsident, ist im Alter von 85 Jahren gestorben. Er trug maßgeblich zur Überwindung der Apartheid bei, obwohl er als Verfechter der Rassentrennung angetreten war.

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          „Es ist an der Zeit, dass wir aus dem Kreislauf der Gewalt ausbrechen und zu Frieden und Versöhnung gelangen.“ Ruhig und bestimmt hatte Frederik Willem de Klerk oder FW, wie er in Südafrika stets genannt wurde, mit diesen Worten im Parlament im Februar 1990 einen Schlüsselmoment in der Geschichte Südafrikas verkündet: Neun Tage später verließ Nelson Mandela das Victor Verster Gefängnis und schritt Hand in Hand mit seiner Ehefrau Winnie auf Hunderte sehnsüchtig wartende Anhänger und die versammelte Weltpresse zu. Das Ende der Apartheid wurde eingeleitet, der Weg für ein neues demokratisches Südafrika geebnet. Dafür erhielt de Klerk 1993 gemeinsam mit Mandela den Friedensnobelpreis.

          De Klerk, der am Donnerstag im Alter von 85 Jahren in seinem Haus in Kapstadt verstorben ist, war der letzte weiße Staatspräsident Südafrikas. Bis heute wird er in Teilen der afrikaansen Bevölkerung, den Nachfahren der ersten niederländischen Siedler, als Held und Staatsmann geachtet. Doch auch Mandela, der großen Versöhner, sagte bei einem Abendessen einmal: „Mein schlimmster Albtraum ist, dass ich aufwache und de Klerk ist nicht da. Ich brauche ihn. Ob ich ihn mag oder nicht, ist irrelevant, ich brauche ihn.“

          Schwieriges Verhältnis zu Mandela

          Tatsächlich war das Verhältnis zwischen den beiden Nobelpreisträgern und Wegbereitern des demokratischen Südafrika nicht immer ungetrübt. Einmal stritten sie sich nach einer kritischen Rede Mandelas leidenschaftlich in der Öffentlichkeit. Zuvor hatte Mandela de Klerk vorgeworfen, sich wie ein „weißer Mann, der mit einem schwarzen Mann spricht“ zu verhalten. Selbst bei der Verleihung des Nobelpreises waren Spannungen spürbar.

          Das amerikanische Zeitschrift Time fragte damals: „Wie konnten sich diese beiden auf irgendetwas wie zum Beispiel auf ein Mittagessen einigen, geschweige denn auf die Neuordnung einer Nation?“ Die beiden so ungleichen Staatsmänner – der letzte des „alten“ und der erste des „neuen“ Südafrika – bewiesen, dass sie es konnten. Später nannten sie sich „gute Freunde“, sprachen einander zunächst mit „Mister President“ und später mit FW und Madiba an, dem traditionellen Clan-Namen Mandelas.

          F.W. de Klerk und Nelson Mandela im April 1994 in Moria
          F.W. de Klerk und Nelson Mandela im April 1994 in Moria : Bild: AFP

          De Klerk, der am 18. März 1936 in Johannesburg geboren wurde, stammte aus einer politischen, eng mit der seit 1948 regierenden Nationalpartei verbundenen Familie. Sein Vater war Senator und Minister, sein Onkel Premierminister der Südafrikanischen Union, sein Bruder Willem, ein liberaler Journalist, hingegen gehörte zu den Gründern der Democratic Party, der Vorgängerpartei der heutigen nationalen Oppositionspartei Democratic Alliance. De Klerk, der sich schon als Student politisch engagierte, studierte Jura und baute anschließend eine erfolgreiche Rechtsanwaltskanzlei auf.

          Seine politische Karriere verlief geradlinig: unter dem Premierminister John Vorster und dessen lautstarkem Nachfolger Pieter Willem Botha hatte er verschiedene Ministerposten inne. Als sich die Unruhen und der politische Widerstand in den achtziger Jahren von allen Seiten verschärften, legte Botha 1989 nach einem Schlaganfall den Parteivorsitz nieder. De Klerk, damals Erziehungsminister, übernahm und wurde noch im gleichen Jahr nach der Parlamentswahl Staatspräsident.

          Kein Glaube an die „Regenbogen-Nation“

          Viele hätten von dem nüchternen Juristen aus dem politischen Establishment eine Fortsetzung der bisherigen Politik erwartet. Er galt als konservativ, verteidigte stets das Apartheid-System. Doch im entscheidenden Moment erwies er sich als Pragmatiker, der auf die damaligen Umbrüche im In- und Ausland richtig reagierte: in Südafrika mehrte sich auch in der weißen Bevölkerung die Unzufriedenheit. Die Wirtschaft lag danieder, der internationale Druck wuchs. Das Ende des Kalten Krieges minderte auch das Risiko einer internationalen Eskalation.

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