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Strafrechtliches Vorgehen : Ex-Kardinal McCarrick wegen sexuellen Missbrauchs angeklagt

Theodore McCarrick am 16. Mai 2006 während einer Pressekonferenz in Washington Bild: AP

Bislang war es Theodore McCarrick gelungen, sich einer strafrechtlichen Verfolgung zu entziehen. Ihm wird ein sexueller Übergriff auf einen damals 16-jährigen Jungen vorgeworfen. Der frühere Kardinal bestreitet die Vorwürfe.

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          Der frühere Kardinal Theodore McCarrick muss sich wegen des Vorwurfs des Nötigung und des sexuellen Missbrauchs eines Minderjährigen vor einem Bezirksgericht in Dedham im amerikanischen Bundesstaat Massachusetts verantworten. Wie die Zeitung „Boston Globe“ am Donnerstag berichtete, werden dem früheren Erzbischof von Washington in drei Anklagepunkten sexuelle Übergriffe auf einen zum Tatzeitpunkt 16 Jahre alten Jungen am Rande einer Hochzeitsfeier im Wellesley College in Massachusetts im Jahr 1974 zur Last gelegt.

          Matthias Rüb
          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Der Anwalt des mutmaßlichen Missbrauchsopfers wollte sich nicht zu Einzelheiten der Anklage äußern. Sein Mandant kooperiere mit der Staatsanwaltschaft, „um anderen Opfern Mut und die Welt für Kinder sicherer zu machen“, sagte Anwalt Mitchell Garabedian dem „Boston Globe“. Garabedian bekräftigte, McCarrick sei „der erste Kardinal in den Vereinigten Staaten, der wegen eines Sexualdelikts an einem Minderjährigen strafrechtlich belangt wird“. Das Opfer gab laut der Strafanzeige an, McCarrick habe ihn bedrängt, in einen Raum geführt und seine Genitalien berührt, während er Gebete gesprochen habe. Nach dem Übergriff habe McCarrick ihm aufgetragen, „drei oder vier Vaterunser und einen Rosenkranz zu beten, damit Gott dir deine Sünden vergibt“. Bei dem mutmaßlichen Missbrauchsopfer handelt es sich gemäß Gerichtsakten um den Bruder des jungen Mannes, dessen Hochzeitsfeier auf dem Campus des Wellesley College stattfand.

          Ein strafrechtliches Verfahren vor einem staatlichen Gericht gegen den inzwischen 91 Jahre alten Kirchenmann galt bisher als unwahrscheinlich, weil in vielen amerikanischen Bundesstaaen – auch in Massachusetts – eine Verjährungsfrist für sexuelle Übergriffe gilt. Im konkreten Fall soll McCarrick aber dennoch belangt werden können, weil er zum Zeitpunkt der mutmaßlichen Tat in der Pfarrei der St. Patricks Kathedrale in New York City tätig war und im Bundesstaat New York lebte. New York hat die Verjährungsfrist für sexualisierte Gewalttaten abgeschafft.

          Erste Anhörung am 26. August

          Papst Franziskus hatte den einst überaus einflussreichen Erzbischof der Hauptstadtdiözese Washington im Juli 2018 zum Rücktritt aus dem Kardinalskollegium gezwungen und McCarrick nach Abschluss eines Verfahrens vor einem Kirchengericht im Februar 2019 in den Laienstand versetzt. In dem Verfahren vor dem Kirchengericht war es um einen anderen Fall sexuellen Missbrauchs eines Jugendlichen gegangen.

          McCarricks Rechtsanwalt Barry Coburn sagte nach dem Bericht über die Anklageerhebung: „Wir schauen uns das an und werden vor Gericht dazu Stellung nehmen.“ Die erste Anhörung vor dem Bezirksgericht in Dedham ist auf den 26. August festgesetzt. Mehrere mutmaßliche Opfer McCarricks hatten auch in den Bundesstaaten New York und New Jersey Strafprozesse vor staatlichen Gerichten angestrebt, zu denen es aber bisher wegen der erst jüngst aufgehobenen Verjährungsregelungen nicht kam. Der frühere Kardinal bestreitet, jemals Minderjährige missbraucht zu haben. 2019 sagte er einem Reporter, der ihn in einem Kloster in Kansas aufgespürt hatte, er sei nicht so schlecht, wie er dargestellt werde: „Ich glaube nicht, dass ich die Dinge getan habe, derer ich beschuldigt werde.“

          Die katholische Kirche in den Vereinigten Staaten wurde in den vergangenen Jahren von zahlreichen Missbrauchsskandalen erschüttert. Zwischen 1950 und 2016 gingen laut der Organisation „Bishop Accountability“ 18500 Beschwerden gegen 6700 Kirchenvertreter ein. In einer von der amerikanischen Bischofskonferenz in Auftrag gegebenen Studie befand das „John Jay College of Criminal Justice“ im Jahre 2004, dass seit 1950 rund vier Prozent aller Priester in den Vereinigten Staaten des Missbrauchs von Kindern und Jugendlichen unter 18 Jahren bezichtigt wurden.

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