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Nach Rücktritt von Morales : Versinkt Bolivien jetzt im Chaos?

Bolivianer feiern in La Paz den Rücktritt von Präsident Evo Morales. Bild: EPA

Am Sonntagabend ist Boliviens Präsident Evo Morales unter großem Druck zurückgetreten. Gegen ihn soll inzwischen ein Haftantrag vorliegen. Das Land befindet sich in einem politischen Schwebezustand ohne Regierung. Die Lage ist angespannt.

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          Am späten Sonntagnachmittag trat Evo Morales vor die Kamera des Staatsfernsehens und verkündete seinen Rücktritt. Wenig später tat es ihm Vizepräsident Álvaro García Linera gleich. Beide erklärten, dass sie mit ihrem Schritt eine weitere Eskalation der Gewalt verhindern wollten. Beide sprachen von einer „bürgerlich-politisch-polizeilichen Verschwörung“, von einem Staatsstreich, angeführt vom Präsidenten des Bürgerkomitees Santa Cruz, dem unterlegenen Präsidentschaftskandidaten und früheren Präsidenten Carlos Mesa. Es folgten die Rücktritte der Senatspräsidentin und des Präsidenten des Abgeordnetenhauses sowie weiterer Volksvertreter und Regierungsmitglieder. Am Sonntagabend war Bolivien ohne Präsident und Regierung.

          Tjerk Brühwiller
          Korrespondent für Lateinamerika mit Sitz in São Paulo.

          Unbestätigten Meldungen zufolge soll gegen Morales ein Haftbefehl vorliegen. Die Polizei suche in der Provinz Chapare nach ihm, wo er herstammt und sich derzeit aufhält. Das Regierungsflugzeug sei bereits durch die Armee beschlagnahmt worden, hieß es. Gerüchte, er wolle sich ins Ausland absetzen, hatte Morales am Sonntag dementiert.

          Auf Twitter denunzierte Morales am Sonntagabend die Existenz eines „illegalen Haftbefehls“ gegen ihn und erklärte, sein Wohnsitz sei von „gewalttätigen Gruppen“ angegriffen worden. Die Kokabauern der Region reagierten, indem sie Straßensperren errichteten und den Flughafen der Stadt Chimoré umstellten. Am Sonntagnachmittag hatte die Polizei bereits zwei ehemalige Mitglieder des Obersten Wahlgerichts festgenommen, darunter die Präsidentin, die sich laut Polizeiangaben in Männerkleidung aus La Paz absetzen wollte. Mehrere Mitglieder der Regierung und Politiker der Regierungspartei haben in der mexikanischen Botschaft Asyl erhalten. Mexiko hat auch Morales politisches Asyl angeboten.

          Anhänger von Morales fühlen sich betrogen

          Die Krise in Bolivien ist nach dem Rücktritt von Morales nicht ausgestanden – im Gegenteil. Die Vorzeichen haben sich gedreht, und nun fühlen sich die Anhänger von Morales ihrerseits betrogen und gehen auf die Barrikaden. In der Nacht auf Montag kam es vor allem in La Paz und El Alto zu verschiedenen Brandanschlägen und Vandalismus.

          So wurden zum Beispiel im Süden von La Paz mehrere Busse der Stadtverwaltung in Brand gesetzt. Der Bürgermeister von La Paz hatte sich in der Wahl hinter den Oppositionskandidaten Carlos Mesa gestellt. In der Stadt El Alto wurden das Haus der ebenfalls regierungskritischen Bürgermeisterin angegriffen und eine Schokoladenfabrik in Brand gesetzt. Die Bürgermeisterin forderte Hilfe an. Die Lage drohe außer Kontrolle zu geraten. Auch gegen die Häuser anderer Exponenten der Opposition wurden Anschläge verübt. Das Szenario könnte sich im Falle einer Verhaftung von Morales dramatisch zuspitzen.

          Bekanntgabe von Wahlmanipulation als Auslöser

          Der Rücktritt von Morales erfolgte nach drei Wochen Unruhen, die sich in den vergangenen Tagen immer stärker zugespitzt hatten. Sie begannen mit der Wahl am 20. Oktober, in der sich Morales mit den letzten Stimmen knapp vor einer für ihn aussichtslosen Stichwahl retten konnte und sich als Sieger im ersten Wahlgang feiern ließ. Doch während der Wahl war es zu offensichtlichen Unregelmäßigkeiten gekommen. Mehrere Male war die Auszählung unterbrochen worden. Der Vizepräsident des Wahlgerichts reichte gar seinen Rücktritt ein, weil er die Entscheidungen seiner Kollegen nicht mittragen wollte.

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