https://www.faz.net/-gpf-14lzs

Evo Morales : Boliviens unangefochtener Präsident

  • -Aktualisiert am

Die vielen Gesichter des Evo Morales Bild: AFP

Selbst seine Gegner gestehen ein, dass er der einzige ist, der in Bolivien derzeit die Regierungsfähigkeit garantieren kann: Evo Morales wurde mit großer Mehrheit als Präsident Boliviens wiedergewählt. Er will jetzt erst richtig aufs Gaspedal drücken.

          Boliviens mit großer Mehrheit wiedergewählter Präsident Evo Morales zeigt sich gern in der Rolle des Politikers, der sich unermüdlich für seine Landsleute aufreibt, 25 Stunden am Tag im Amt ist und kein Privatleben kennt. Gesprächspartner bestellt er gerne im Morgengrauen ein, lange vor Beginn der offiziellen Dienstgeschäfte. Erst seit kurzem ist offiziell, dass er einen Sohn und eine Tochter im Heranwachsenden-Alter von zwei verschiedenen Müttern hat. Zum Heiraten habe er schlicht keine Zeit gehabt, weil ihn die Regierungsarbeit allzu sehr beanspruche, behauptet Morales. Sein 14 Jahre alter Sohn hatte ihn kurz vor den Wahlen in einem Fernsehprogramm aufgefordert, ihn materiell besser zu unterstützen.

          Seinen Wahlerfolg verdankt Morales dem Eingeständnis selbst von politischen Gegnern, dass er die einzige Figur ist, die derzeit in Bolivien die Regierungsfähigkeit zu garantieren vermag. Die Opposition ist zersplittert, gelähmt und desorientiert. Vorbei ist auch die Zeit, da die Opposition im Senat viele Gesetzesvorhaben der Regierung mit ihrer Mehrheit blockieren konnte. Denn nach den Wahlen kann Morales' „Bewegung zum Sozialismus“ (Mas) mit einer Zweidrittelmehrheit in beiden Kammern des Kongresses rechnen. Morales will jetzt erst richtig aufs Gaspedal drücken und seinen „revolutionären Prozess“ voranbringen.

          Lama-Hirte, Bäcker, Maurer und Präsident

          Morales, der seit Anfang 2006 regiert und sich jetzt nach den Regeln der neuen Verfassung im Amt bestätigen ließ, hat die Gewaltenteilung praktisch ausgehebelt und vor allem die Justiz fast in die Handlungsunfähigkeit getrieben. Das Oberste Gericht ist nicht existent, die Zentralbank, der Rechnungshof und die Staatsanwaltschaft sind von ihm an die Kandare genommen worden.

          Wiedergewählt: Evo Morales

          Dem Aimara-Indio Evo Morales, der sich als Vorkämpfer für ein postkoloniales, nach den Ideen und Traditionen der in Bolivien heimischen ethnischen Gemeinschaften ausgerichtetes Land darstellt und dabei rassistische Tendenzen unter umgekehrten Vorzeichen in Kauf nimmt, ist es gelungen, die wohlhabenderen rebellischen Provinzen im östlichen Tiefland, die nach mehr Autonomie streben, weitgehend ruhigzustellen. Obwohl er ursprünglich Verfechter eines streng zentralistischen Staatsgebildes nach altsozialistischem Muster war, hat er sich den Forderungen der Provinzen nach mehr Selbständigkeit geöffnet. Manche seiner politischen Feinde in den betreffenden Regionen haben sich aus pragmatischen Erwägungen mit seiner Regierung arrangiert.

          Lama-Hirte, Bäcker und Maurer

          Juan Evo (Evaristo) Morales Aima wurde am 26. Oktober 1959, vor 50 Jahren, in Isallawi bei Orinoca im Departement Oruro geboren. Er stammt aus ärmlichsten Verhältnissen, hatte sechs Geschwister, von denen nur zwei überlebt haben, war in seiner Kindheit und Jugend Lama-Hirte, Bäcker und Maurer. Sein dürftiges Einkommen besserte er als Trompeter in einer Band auf. Die Eltern zogen später in die Region Chapare, wo sie sich als Kokabauern eine bessere Existenz erhofften. Dort wurde Morales zum Gewerkschaftsführer der Kokapflanzer. Zu ihnen hat er immer noch ein Vertrauensverhältnis. Das hat zu der kuriosen Situation geführt, dass er sich auch dann noch zu ihrem Anführer wählen ließ, als er längst schon Präsident war.

          Morales hat in seiner ersten Amtszeit, die er als eine Art Lehre für seine nun folgenden fünf nächsten Präsidentenjahre betrachtet, seinen antiamerikanischen Kurs verschärft. Nach einer zaghaften Annäherung an den neuen amerikanischen Präsidenten Obama ist er wieder voll auf Distanz zu Washington gegangen. Er zeigt derzeit keinerlei Bereitschaft, die seit der Ausweisung des amerikanischen Botschafters vor einem Jahr unterbrochenen Beziehungen wiederaufzunehmen. Zwar hat Morales versichert, dass er sich, wie mit der Opposition vereinbart, 2014 nicht noch einmal der Wiederwahl stellen werde, doch seine politischen Gegner argwöhnen, dass er mit Hilfe seines Mentors, des venezolanischen Präsidenten Hugo Chávez, Mittel und Wege finden werde, um sich wie dieser im Präsidentenamt zu verewigen.

          Weitere Themen

          Rebellion gegen Erdogan

          Austritte aus der AKP : Rebellion gegen Erdogan

          Einige prominente Politiker sind aus der türkischen Regierungspartei AKP ausgetreten, um ihre eigenen Bewegungen zu gründen. Für den türkischen Präsidenten Erdogan könnte es eng werden.

          Topmeldungen

          Klopp beim FC Liverpool : Kurz vor der Königsweihe

          Jürgen Klopp hat mit Liverpool die Champions League gewonnen, die Fans aber sehnen seit beinahe dreißig Jahren die Meisterschaft herbei. Sie wollen nicht mehr warten.

          Zukunftsforscher : „Es wird auf jeden Fall keine zweite Greta geben“

          Greta Thunberg gilt als das Gesicht schlechthin, wenn es um den Kampf gegen den Klimawandel geht. Zukunftsforscher Matthias Horx erklärt, was die Sechzehnjährige mit Winston Churchill, Albert Einstein und Bob Marley gemeinsam hat.
          Die Botschaft der Demonstrantin vor dem Supreme Court ist klar: „Kein Parlament, keine Stimme!“

          Großbritannien : Supreme Court verhandelt über Parlamentspause

          In der Verhandlung über die Zwangspause des Parlaments hagelt es Kritik am britischen Premierminister. Der Anwalt der Hauptbeschwerdeführerin wirft Boris Johnson vor, Verfassungsgrundsätze auf den Kopf zu stellen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.