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Europäisches Selbstverständnis : Mehr Mut, Europa!

  • -Aktualisiert am

Anti-Brexit-Demonstrantin in London: Die Vorteile Europas erkennen Bild: AFP

Der europäische Pragmatismus führt dazu, dass Europa sein Licht gern unter den Scheffel stellt. Wie fatal. Es sollte sich seinen zahlreichen Krisen mit mehr Selbstbewusstsein stellen. Ein Gastbeitrag.

          Die Welt scheint aus den Fugen geraten, darüber waren sich Frank-Walter Steinmeier und Peter Scholl-Latour schon vor einigen Jahren einig. Wer heute um die sich rasant verändernde Welt reist, kehrt verstört nach Europa zurück. Da sind die politischen Verschiebungen jenseits des Atlantiks von Trump bis Bolsonaro, dem neuen rechtspopulistischen Präsidenten Brasiliens. Da ist China, das mit viel Eifer und wenig Wertschätzung für Menschenrechte und das Individuum zum Sprung ansetzt, die Vereinigten Staaten und Europa wirtschaftlich in den Schatten zu stellen – gerade mit Blick auf die digitale Revolution. Da sind die umliegenden, sich weiterhin sehr dynamisch entwickelnden „Tigerstaaten“, das aufholende Indien mit seinen inneren Konflikten und der „Chancenkontinent“ Afrika, auf dem ein Run fremder Mächte auf die Poleposition am Rohstoffmarkt ausgebrochen ist. All das geschieht ungeachtet der Frage, ob dafür ein Autokrat – wie etwa der ruandische Präsident Paul Kagame – hofiert werden muss, sowie vor allem ungeachtet der langfristigen Konsequenzen. Und das alles im Kontext von weiteren weltweiten Krisen und Kriegen von Syrien bis Venezuela.

          Wer aus diesen Ländern nach Europa zurückkehrt, kann angesichts von so viel Dynamik, Umbruch und Instabilität leicht von Verunsicherung und Resignation übermannt werden. Auch Europa wirkt derzeit nicht wie ein Hort der Beständigkeit und des Friedens: Brexit-Wirren in Großbritannien, Gelbwesten in Frankreich, nationalistische Rollbacks wie in der Krimkrise. Und über allem liegt die diffuse und beklemmende Angst vieler Europäer, dass es ihnen und ihren Kindern bald schlechter gehen, dass Aufschwung und Aufstieg ein natürliches Ende finden könnten.

          Doch blickt man mit offenen Augen auf Europa, wird schnell klar, dass dieser Kontinent der sich verändernden Welt viel entgegenzusetzen hat – und das auch tun muss. Und zwar nicht verzagt, sondern mit Mut, Haltung und dem Wissen um die Vorzüge eines geeinten, friedlichen und demokratischen Europas und der davon ausgehenden Strahlkraft. Andernorts werden politische Stabilität und wirtschaftliche Planbarkeit teuer erkauft, indem Staatsbürger kontrolliert und gegängelt werden. Vielerorts grassiert Korruption wie in Mexiko, teilen sich einige Clans die Macht unter sich auf wie in Kenia, gibt es gibt die wenigen Reichen da oben, in deren Klammergriff sich die Vielen da unten befinden.

          Das Projekt Europa mag in seiner unspektakulären Behäbigkeit und mit seinen Brüsseler Bürokraten oft Anlass zum Seufzen bieten – dennoch überwiegen die Vorteile die Nachteile bei weitem. Das zeigt auch das „Kabale und Liebe“-Spiel rund um den Brexit. Dieses Projekt ist mehr als ein loser Zusammenschluss. Europa, das ist tiefe Verbundenheit und pragmatische Vernunft, im Wissen darum, dass der Wandel beständig ist und dass man nur gemeinsam schlagkräftig ist. Das ist das Wissen, auf das die 500 Millionen Bürger Europas sich besinnen sollten. Das auf unserem Kontinent gelebte offene, pluralistische und zivile Modell sollten wir der weltweiten, hysterischen Transformation entgegensetzen.

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