https://www.faz.net/-gq5-7ydrp

Islamistischer Terror : Geiselnehmer sollen sich abgestimmt haben

  • Aktualisiert am

Spezialeinheiten der Polizei stürmen den Supermarkt in Paris. Bild: AFP

Nach dem Ende der Geiselnahmen in Paris sucht die Polizei weiter nach einer möglichen Komplizin. Für Aufregung sorgen Interviews zweier Attentäter: Sie bekennen sich zu islamistischen Terrororganisationen - und erklären ihre Zusammenarbeit.

          3 Min.

          Mit einem Doppelschlag hat die französische Polizei den tagelangen Terror im Großraum Paris beendet und drei islamistische Attentäter getötet. Die beiden Brüder Chérif (32) und Said Kouachi (34), die bei einem Anschlag auf das Satiremagazin „Charlie Hebdo“ zwölf Menschen kaltblütig getötet haben sollen, starben am Freitag in einem Ort nordöstlich der Hauptstadt im Kugelhagel der Polizei. Fast gleichzeitig schlugen Sondereinheiten im Osten von Paris gegen einen weiteren als Islamisten bekannten Geiselnehmer zu und töteten diesen. Frankreichs Präsident François Hollande erklärte, es seien dabei vier Geiseln ums Leben gekommen, vier weitere sollen schwer verletzt sein.

          Die Attentäter sollen sich gut gekannt und alle einen islamistischen Hintergrund besessen haben. Der Attentäter Chérif Kouachi sagte dem französischen Sender BFMTV, er sei vom Terrornetzwerk Al Qaida im Jemen beauftragt und finanziert worden. Geiselnehmer Coulibaly sagte ebenfalls vor seinem Tod zu BFMTV, er gehöre zur Dschihadisten-Gruppe Islamischer Staat (IS) und habe sich mit den „Charlie Hebdo“-Attentätern abgestimmt.

          Die Polizei bereitete ihren Verbrechen am Freitag fast gleichzeitig ein Ende. Zunächst wurde der Unterschlupf der mutmaßlichen Attentäter von „Charlie Hebdo“ in Dammartin-en-Goële, etwa 40 Kilometer nordöstlich von Paris, gestürmt. Die Terrorverdächtigen seien getötet worden, bestätigten die Behörden. Die beiden Brüder seien schießend aus der Druckerei gerannt, in der sie sich über sieben Stunden verschanzt hatten. Die Geisel sei frei und unverletzt. Es sollen zwei Polizisten verletzt worden sein.

          Nur etwas später griff die Polizei auch bei der zweiten Geiselnahme in einem jüdischen Lebensmittelladen im Osten von Paris zu. Der Geiselnehmer Amedy Coulibaly (32) sei getötet worden. Der Mann, der am Donnerstag im Süden von Paris bereits eine Polizistin getötet haben soll, soll nach Angaben von Staatspräsident Hollande vier Geiseln getötet haben. Unklar blieb zunächst, ob Coulibaly eine Komplizin hatte. Die französische Polizei sucht im Zusammenhang mit der Geiselnahme weiterhin nach der 26 Jahre alten Hayat Boumeddiene.

          Augenzeugen berichteten, es habe bei der Erstürmung des Geschäfts laute Explosionen gegeben. Zahlreiche Geiseln rannten aus dem Laden und brachten sich in Sicherheit, als die Polizei das Geschäft stürmte. Auch hier soll ein Beamter verletzt worden sein.

          Die mutmaßlichen Attentäter Chérif und Saïd Kouachi hatten sich am Freitag mit einer Geisel nach einer Verfolgungsjagd und einem Schusswechsel in einer Druckerei in der Nähe des Pariser Flughafens Charles de Gaulle verschanzt. Es lief ein Großeinsatz der Polizei, um die mutmaßlichen Dschihadisten zu „neutralisieren“, wie Frankreichs Innenminister Bernard Cazeneuve sagte. Die Polizei riegelte die Druckerei im Gewerbegebiet der Gemeinde Dammartin-en-Goële weiträumig ab und versuchte, mit den Brüdern Kontakt aufzunehmen, wie ein Sprecher des Innenministeriums sagte. Hubschrauber überflogen das Gebiet. Elite-Einheiten der Sicherheitskräfte waren im Einsatz, Scharfschützen bezogen Position auf den Dächern, Kinder aus umliegenden Schulen wurden in Sicherheit gebracht.

          Attentäter standen auf Amerikas Terrorliste

          Die 34 und 32 Jahre alten Brüder waren seit dem Angriff auf „Charlie Hebdo“ am Mittwoch auf der Flucht. Am Donnerstag stahlen die beiden Verdächtigen laut Polizeikreisen einer Frau ihren Peugeot 206. Die Polizei konnte den Wagen ausfindig machen. Es kam zu einem Schusswechsel und einer Verfolgungsjagd auf der Nationalstraße 2, bevor sich die Flüchtigen in der Druckerei verschanzten. Sie waren offenbar mit Kalaschnikows und einem Raketenwerfer bewaffnet.

          Die Brüder waren den Sicherheitsbehörden schon seit langem bekannt. Chérif Kouachi war wegen seiner Zugehörigkeit zu einem Netzwerk, das Dschihadisten zum Kampf gegen die amerikanischen Truppen in den Irak schickte, zu einer Haftstrafe verurteilt worden. Nach Angaben aus den Vereinigten Staaten standen die Brüder zudem seit Jahren auf einer amerikanischen Terrorliste und durften nicht in die Vereinigten Staaten einreisen. Said Kouachi ließ sich demnach 2011 vom Terrornetzwerk Al Qaida im Jemen ausbilden.

          Merkel reist nach Paris

          Der Anschlag auf „Charlie Hebdo“ hat die Sorge vor terroristischen Attentaten nicht nur in Frankreich wachsen lassen. So warnte der Chef des britischen Inlandsgeheimdienstes MI5 vor Terroranschlägen mit einer großen Opferzahl in westlichen Länder. Eine Kerngruppe militanter Islamisten in Syrien, die dem Terrornetzwerk Al Qaida nahestehe, plane derzeit umfangreiche „Angriffe gegen den Westen“, sagte Andrew Parker in London. Frankreichs Premierminister Manuel Valls sagte, Frankreich sei „im Krieg mit dem Terrorismus“, aber „nicht im Krieg gegen eine Religion“.

          Die EU-Staats- und Regierungschefs werden bei ihrem nächsten Gipfel am 12. Februar über den Kampf gegen den Terrorismus beraten, wie Ratschef Donald Tusk bekanntgab. Bereits am Sonntag ist in Paris ein großer Trauermarsch geplant, an dem neben Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) auch der britische Premierminister David Cameron und der italienische Ministerpräsident Matteo Renzi teilnehmen werden. Nach Aufrufen von Parteien, Gewerkschaften und Verbänden werden hunderttausende Menschen zum Trauermarsch erwartet.

          Ebenfalls am Sonntag ist ein Treffen europäischer Innenminister geplant, zu dem auch Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) reisen wird. Eingeladen sind auch der amerikanische Justizminister Eric Holder und Heimatschutzminister Jeh Johnson.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.