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Züge aus Ungarn : Wie ein Gerücht das Flüchtlingschaos auslöste

Die Polizei hat wieder die Kontrolle über den Bahnhof in Budapest übernommen. Bild: dpa

Die Lage am Budapester Ostbahnhof ist chaotisch: Mal hält die Polizei die Flüchtlinge auf, dann wieder nicht. Tausende besteigen schließlich die Züge in Richtung Wien. Angespornt hatte sie ein Gerücht aus Deutschland.

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          Die Menschenmenge vor der prachtvollen Jugendstilfassade des Budapester Ostbahnhofs rückt an die Polizeikette heran, die den Aufgang über die Stufen zum Bahnhofsgebäude sichert. Es sind nicht allzu viele, vielleicht ein- oder zweihundert; überwiegend junge Männer. Immer wieder werden Parolen skandiert. Aus manchen Rufen kann man „Deutschland, Deutschland“ heraushören, oder „Germany, Germany“. Aber wie beim Fußball klingt es hier nicht. Es klingt zornig, manchmal auch verzweifelt.

          Stephan Löwenstein

          Politischer Korrespondent für Österreich und angrenzende Länder mit Sitz in Wien.

          Wie es mit den Flüchtlingen in Ungarn weitergeht, kann niemand so recht sagen. Die Polizei, die sich zu Wochenbeginn zurückgezogen hatte, so dass die Menschen auf die Züge steigen – oder besser: sich hineinpferchen – konnten, hat am Dienstagvormittag wieder den Zugang kontrolliert. Als ihr die Lage zu entgleiten drohte, räumte sie den Bahnhof am Vormittag ganz und ließ fortan Reisende nur mehr nach einer Ausweiskontrolle hinein. Am Nachmittag sammelte sie dann nach und nach Flüchtlingsgruppen ein und brachte sie zu Bussen. Sie sollen in Aufnahmelager fern von den Bahnhöfen gebracht werden. Das trifft die, die die Chance am Montag verpasst haben. Das heißt, die nicht stark und durchsetzungsfähig waren. Das heißt, die Familien mit Kindern.

          25 Tage von Damaskus nach Budapest

          Die haben sich auch an der kleinen Manifestation nicht beteiligt. Die meisten sind vorerst an ihrem Platz im ausgedehnten Untergeschoss des Bahnhofs geblieben. Einige Teile sind dort als „Transitzone“ markiert, andere nicht. Aber die Leute lagern unterschiedslos überall, wo nicht die bewachten Sperren sind, an denen es zu den U-Bahn-Stationen geht, die an diesem Knotenpunkt in der ungarischen Hauptstadt zusammenlaufen.

          Da ist eine Familie aus Syrien, ein Beispiel unter vielen. Das Oberhaupt, ein Herr mit weißem Bärtchen, weißem Hemd, ordentliche Hose. Zwei Frauen, eine ältere, eine jüngere, die auf einem Tablet-Computer herumwischt. Ein vielleicht zehnjähriger und offensichtlich behinderter Junge, ein kleines Mädchen im Vorschulalter. Das Mädchen malt mit einem Vielfarb-Kugelschreiber Bilder auf einen karierten Block, Leute, die einander an der Hand halten – ihre Familie? – und breitschultrige Männer mit der Aufschrift „Rendörseg“. Das ist ungarisch und heißt Polizei. Das Oberhaupt ist Schneider von Beruf, sein Haus in Damaskus wurde zerbombt – so sagt er es jedenfalls mittels eines Übersetzers Philipp Karl, einem jungen Deutschen, der Ungarisch spricht und zum Helfen gekommen ist. Es muss eine gut gehende Schneiderei gewesen sein, die der soignierte Herr geführt hat. 25 Tage haben sie von Damaskus gebraucht, auf der üblichen Strecke über die Türkei, Griechenland, Mazedonien, Serbien. Unter dem Stacheldrahtzaun sind sie durchgekrochen. Jetzt sitzen sie schon seit einer Woche hier am Bahnhof. Gestern war die Hoffnung groß: Sie haben sich bereits Fahrscheine nach Wien gekauft, dorthin hat es bereits der Ehemann der jüngeren Frau und Vater der beiden Kinder geschafft. Sie hatten Platzkarten für den Abendzug. Der allerdings fiel dann aus.

          Die Menschen wollen nicht in Ungarn bleiben

          So hat sich der ungarische Ministerpräsident Viktor Orbán die Sache sicher nicht vorgestellt, als er kurz vor der Wahl im Jahr 2013 den nagelneuen unterirdischen Teil des Bahnhofs, ein großzügiges Areal mit Lichthof und überdachten Passagen, samt neuer U-Bahn-Linie eröffnete. Für die Menschen, die hier Schutz vor Regen oder – im Moment mehr von Belang – einen Platz im Schatten finden, ist es jedenfalls eine beträchtliche Erleichterung. Sie würden sonst wohl – wie es auch noch genug tun – alle oben im Freien auf den Rasenflächen kampieren müssen.

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