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Zehn Jahre nach Zug-Attentaten : Heiliger Krieg auf spanischem Boden

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Verheerend: einer der Tatorte am 11. März 2004 Bild: AFP

Die Anschläge Al Qaidas vom 11. März 2004 in Madrid sind im kollektiven Bewusstsein der Spanier fest verankert. Doch in dem Land hat sich seitdem viel verändert.

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          Zehn Jahre sind eine lange Zeit. Der Mann, den die Madrider Zug-Attentate vom 11. März 2004 damals die Wahl kosteten, regiert seit zweieinhalb Jahre nun doch das Land: Ministerpräsident Mariano Rajoy. Die verschiedenen Organisationen der Opfer, die mit unterschiedlichen politischen Parteien sympathisieren, sind untereinander zerstritten. Die Gedenkstätten, wie das Monument vor dem Tatort, dem Atocha-Bahnhof, und der „Wald der Abwesenden“ im Retiro-Park, wo jeweils eine Zypresse oder ein Olivenbaum an die 191 Toten des islamistischen Massakers erinnern, zeigen erste Verfallserscheinungen

          In einer Ausstellung im Rathaus, wo Besucher der Hauptstadt jetzt noch einmal das nach dem Lockerbie-Anschlag auf ein Pan-Am-Flugzeug im Jahr 1988 verheerendste Verbrechen dieser Art in Europa Revue passieren lassen können, herrscht in einer neuen Generation schon Erklärungsbedarf.

          Der „heilige Krieg“ auf spanischem Boden, der an jenem Märzmorgen um 7.37 Uhr mit zehn Bombenexplosionen in vier Vorortzügen seinen grauenvollen Lauf nahm, ist indes im kollektiven Bewusstsein der meisten Spanier und insbesondere der nahezu 2000 zum Teil schwer verletzt Überlebenden durchaus noch präsent. Der Tag war ein eindrucksvolles Beispiel praktizierter Solidarität, die über die rasch reagierenden Feuerwehrleute, Ärzte und Krankenpfleger hinaus viele spontane Freiwillige aus der Stadtbevölkerung einbezog.

          Mahnmal für die Toten und Verletzten der Anschläge am Bahnhof in Madrid
          Mahnmal für die Toten und Verletzten der Anschläge am Bahnhof in Madrid : Bild: AFP

          Von den Taxifahrern, die blutende Opfer in die Krankenhäuser brachten, bis zu den Barbesitzern, die Tee, Kaffee und Suppen verteilten, zeigten sich die Frau und der Mann auf der Straße von ihrer besten Seite. Am Tag danach nahmen landesweit elf Millionen Menschen an Demonstrationen gegen den Terrorismus teil. Zum ersten Mal war in Gestalt des Kronprinzen Felipe auch ein Mitglied der Königsfamilie dabei.

          Schatten des Wahlkampfes

          Auf die Solidarität fiel jedoch sogleich der Schatten des Wahlkampfes. Die Regierung des damaligen Ministerpräsidenten José María Aznar kaprizierte sich unnötig lange darauf, dass die baskische Terrororganisation Eta die Urheberin der Anschläge gewesen sei. Als sich dann der begründete Verdacht auf eine entweder eigenmächtige oder aber ferngesteuerte Zelle von Al Qaida konzentrierte, endete der innenpolitische Burgfriede rasch. Demonstranten, die der Sozialistischen Partei nahestanden, zogen vor dem Hauptquartier der regierenden Konservativen auf.

          Der Volkspartei und ihrem Nachfolgekandidaten für Aznar, Rajoy, entglitt der sicher geglaubte Sieg und brachte den jungen Sozialisten José Luis Rodríguez Zapatero an die Macht. Dieser zog als erste Amtshandlung die spanischen Truppen aus dem Irak zurück und gab damit indirekt den Terroristen recht, die vorgaben, dass das Eingreifen Spaniens an der Seite des amerikanischen Präsidenten Bush der Hauptbeweggrund für ihr Attentat gewesen sei. In der Tat hatte der Al-Qaida-Führer Usama Bin Ladin wenige Monate zuvor die Parole ausgegeben, dass Spanien wegen dieses Engagements exemplarisch zu bestrafen sei.

          Drahtzieher unbekannt

          Doch bis heute ist nicht klar, ob die eigentlichen Drahtzieher in Pakistan oder anderswo saßen, und was sie wirklich motivierte. Viele Bücher wurden über die Vernetzung von Islamistenzellen zwischen Karachi und Brüssel und Islamabad sowie Casablanca und Istanbul verfasst. Doch Javier Gómez Bermúdez, der Richter, der im Jahr 2007 zwei Dutzend Angeklagte zu Haftstrafen von zum Teil jeweils mehr als 40.000 Jahren verurteilte, gab jetzt in einem Interview der Zeitung „El Mundo“ zu: „Nach zehn Jahren wissen wir noch immer nicht, wer die geistigen Urheber waren.“

          Das heißt allerdings nicht, dass man die Attentäter nicht bald gefunden hätte. Denn drei Wochen nach den Morden entdeckte die spanische Polizei die meisten der direkt beteiligten Terroristen in einer konspirativen Wohnung in dem Madrider Stadtviertel Leganés. Es kam erst zu einem Schusswechsel, und dann sprengten sich sieben der Gesuchten – sechs Marokkaner und ein Tunesier –- in die Luft.

          Nicht in normales Leben zurückgefunden

          Drei Jahre später, als auch der Kreis der Helfershelfer weitgehend entdeckt worden war, begann der Prozess gegen 28 Verdächtige. Einundzwanzig von ihnen wurden zu langen Haftstrafen verurteilt, sieben mangels Beweisen freigesprochen. Weil in Spanien die zu verbüßende Höchststrafe bei vierzig Jahren liegt – noch weniger bei guter Führung –, wird der Erste schon in der kommenden Woche wieder freikommen.

          Länger einsitzen wird der einzige Spanier, der als „nützlicher Idiot“ den Terroristen den Sprengstoff besorgt hat. José Emilio Suárez Trashorras, ein asturischer Bergarbeiter mit mentalen Problemen und Rauschgiftgeschichten, hat nach langem Leugnen inzwischen zugegeben, das Dynamit aus seinem Bergwerk beschafft zu haben. Er traf inzwischen sogar in einerWiedergutmachungsaktion mit einigen der Opfer zusammen. Von den Verletzten haben sich die meisten erholt. Doch mehrere hundert Überlebende haben den psychischen Schock weder überwunden noch in ein „normales“ Leben zurückgefunden. Die spanische Regierung hat insgesamt 330 Millionen Euro für Schadensersatzzahlungen aufgebracht.

          Blühende Verschwörungstheorien

          Noch blühen alte Verschwörungstheorien, die sich – vor allem am Beispiel der inzwischen moribunden Eta – nicht bestätigt haben. Generalstaatsanwalt Eduardo Torres-Dulce versicherte schon zum neunten Jahrestag, dass „der Fall abgeschlossen“ sei. Die spanischen Sicherheitsdienste, die sogar einige der Attentäter jahrelang unter Beobachtung oder als Informanten hatten, gestanden nachträglich ein, in diesem Fall versagt zu haben.

          Die spanische Außenpolitik, die unter Zapatero vis-à-vis Nordamerika in eine Eiszeit geriet, erwärmte sich nach dem Amtsantritt von Barack Obama wieder und wurde schließlich von Nachfolger Rajoy korrigiert. Die von Al Qaida für „Al Andalus“ angekündigten weiteren Anschläge auf spanischem Boden blieben bislang aus.

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