https://www.faz.net/-gq5-7rvb6

Absturz MH17 in der Ukraine : Bericht: Wrackteil weist auf Raketentreffer hin

  • Aktualisiert am

Eine Satelliten-Aufnahme der Absturzstelle im Osten der Ukraine Bild: REUTERS

Schrappnell-Spuren an einem Wrackteil des abgeschossenen malaysischen Flugzeugs deuten nach einem Bericht auf den Abschuss durch eine Überschallrakete hin. Unterdessen haben die Separatisten die Black Box des Flugzeugs ausgehändigt.

          Ein durchlöchertes Wrackteil der in der Ostukraine abgestürzten Boeing weist laut einem Bericht der „New York Times“ auf einen Raketentreffer hin. Schrapnell-Spuren seien ein Hinweis darauf, dass das Flugzeug durch eine Rakete mit Überschallgeschwindigkeit zerstört wurde, sagten Experten des Verteidigungs-Fachverlags IHS Jane’s nach Auswertung eines von einem NYT-Fotografen aufgenommenen Trümmerteils.

          Unter anderem wurde der abgeplatzte Lack an der Außenseite des vom Flugzeugrumpf stammenden Wrackteils als ein Beleg angeführt. Die Experten vermuten, dass das Flugzeug der Malaysia Airlines mit 298 Menschen an Bord am Donnerstag durch die Rakete eines russischen „Buk“-Flugabwehrsystems getroffen wurde. Die Vereinigten Staaten verdächtigen prorussische Separatisten, die Zivilmaschine mit einer Boden-Luft-Rakete abgeschossen zu haben.

          Die prorussischen Separatisten haben den Flugschreiber des über der Ostukraine mutmaßlich abgeschossenen Passagierflugzeugs in der Nacht zum Dienstag unterdessen an Vertreter Malaysias übergeben. Die Rebellen händigten in Donezk im Beisein von etwa 150 Journalisten die sogenannte Black Box aus, bestehend aus dem Flugdatenschreiber und dem Stimmenrekorder. Ein malaysischer Experte dankte den Separatisten. Die Geräte seien intakt und nur geringfügig beschädigt, sagte er.

          Die Übergabe fand im Hauptsitz der selbstproklamierten „Volksrepublik Donezk“ statt, auch der selbsternannte Regierungschef Alexander Borodaj nahm daran teil. Der Rebellenführer erklärte, er habe im Umkreis von zehn Kilometern rund um die Absturzstelle eine Waffenruhe angeordnet und internationalen Ermittlern sicheren Zugang zur Absturzstelle zugesagt. Borodaj sagte bei der Übergabe der Black Boxes am Dienstagmorgen, sie „werden die Wahrheit enthüllen“. Er bestritt Anschuldigungen, nach denen die Separatisten das Flugzeug abgeschossen hätten. „Wir haben nicht die technische Fähigkeit, dieses Flugzeug zu zerstören“, sagte Borodaj.

          Opfer werden in die Niederlande gebracht

          Auch zur Übergabe der Leichen der Absturzopfer hatte Borodaj mit Malaysia eine Einigung erzielt. Die meisten der 298 Opfer werden zur Identifizierung in die Niederlande gebracht. Der Kühlzug mit rund 200 Todesopfern werde über Donezk nach Charkiw gebracht, sagte Ministerpräsident Mark Rutte am Montag. „In Charkiw sind wir bereit, die Leichen zu übernehmen.“ Es sei ein sehr schwieriges Unterfangen, sagte der Regierungschef. Die meisten Opfer stammen aus den Niederlanden, daher hat das Land die Leitung bei deren Identifizierung übernommen.

          Der Zug mit den Überresten von 251 Flugzeuginsassen hatte am Montagabend die Stadt Tores in Richtung Charkow verlassen und ist dort mittlerweile eingetroffen. Zuvor hatten Experten vier Kühlwaggons kontrolliert und versiegelt. Dazu kommt ein Wagen mit persönlicher Habe der Opfer und Begleitpersonal.

          Im 300 Kilometer entfernten Charkow richten niederländische Spezialisten ein Zentrum zur Identifizierung der Opfer ein. Die Niederlande wollen jedoch die Opfer so schnell wie möglich außer Landes bringen. „Die Identifizierung geht in den Niederlanden viel schneller“, sagte Ministerpräsident Rutte. Auf dem Flugplatz von Charkow steht eine Hercules-Maschine der niederländischen Streitkräfte bereit.

          Die Black Box ist orange: Ein Vertreter der Separatisten übergibt den Flugschreiber

          Internationale Beobachter hatten in den vergangenen Tagen immer wieder beklagt, sie würden von den Separatisten an der Arbeit gehindert. Der Westen verstärkte den Druck auf Russland und drohte mit neuen Sanktionen. Die Konfliktparteien in der Ukraine werfen sich gegenseitig vor, die Maschine der Malaysia Airlines am Donnerstag abgeschossen zu haben.

          Auch Russland stimmt im Sicherheitsrat zu

          Der UN-Sicherheitsrat forderte per Resolution eine unabhängige Untersuchung des Abschusses. Alle 15 Mitglieder des Gremiums - auch Russland - stimmten dem Papier bei einer kurzfristig einberufenen Sitzung am Montag in New York zu. In der Resolution wird der Abschuss der Passagiermaschine im umkämpften Osten der Ukraine „aufs Schärfste“ verurteilt und einen freien Zugang zum Absturzort verlangt. In dem von Australien eingebrachten Resolutionstext wurden die prorussischen Separatisten aufgefordert, die „Integrität“ der Absturzstelle zu bewahren und eine Feuerpause in der Region einzuhalten. Zudem forderten die Mitglieder des Gremiums, die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen.

          Ein Wrackteil der abgeschossenen Malaysia-Airlines-Maschine im Osten der Ukraine

          Russland beschuldigt Ukraine

          Das russische Verteidigungsministerium hatte am Montag Daten vorgelegt, die eine Verantwortung Kiews für den Abschuss des malaysischen Passagierflugzeugs über der Ostukraine beweisen sollen. Andrej Kartapolow, ein Mitglied des russischen Generalstabs, präsentierte angebliche Aufzeichnungen der russischen Flugüberwachung. Sie sollen zeigen, dass vor dem Absturz ein Kampfflugzeug der ukrainischen Streitkräfte, „wahrscheinlich“ des Typs Suchoi-25, „drei bis fünf Kilometer“ von der Boeing 777 entfernt gewesen und „auf derselben Höhe“ wie diese geflogen sei.

          Kartapolow sagte, mit seinen Luft-Luft-Raketen könne ein solches Kampfflugzeug ein Ziel auf diese Entfernung gewiss zerstören. Kartopolow forderte die Ukraine auf, Auskunft über das Kampfflugzeug zu geben, und bezeichnete Angaben aus Kiew, am Donnerstag seien in der Gegend keine ukrainischen Kampfflugzeuge in der Luft gewesen, als falsch. Außerdem legte das russische Verteidigungsministerium Satellitenaufnahmen vor, die zeigen sollen, dass die ukrainischen Streitkräfte vor dem Absturz eine Batterie von „Buk“-Raketen dicht an Stellungen der Separatisten verlegt hätten.

          Die ukrainische Armee und Separatisten lieferten sich auch am Montag heftige Gefechte in Donezk.

          Weitere Themen

          Staatsfeinde im Pfadfinderlager?

          FAZ Plus Artikel: „Prepper“-Szene : Staatsfeinde im Pfadfinderlager?

          Zombieapokalypse, Alieninvasion, Atomkatastrophe – die „Prepper“-Szene will vorbereitet sein und hortet Konserven, Gas und teilweise auch Waffen. Zudem gären rechtsextreme Ideologien. Sicherheitsbehörden stoßen an ihre Grenzen.

          Bis zur letzten Kommastelle

          FAZ Plus Artikel: Grüne auf dem Vormarsch : Bis zur letzten Kommastelle

          Die Grünen waren mal eine Partei, die mit Macht nicht viel anfangen konnte. Das ist lange vorbei. Heute sind sie gut organisiert und vermeiden jeden öffentlichen Streit. Führt ihr Weg in die Regierung?

          Topmeldungen

          Die Große Koalition erzielt in der Nacht auf Montag einen Kompromiss bei der Grundsteuer (Archivbild von Angela Merkel (CDU) und Olaf Scholz (SPD)).

          Große Koalition : Union und SPD einigen sich bei Grundsteuer

          Schon beim ersten Koalitionsausschuss mit neuer Besetzung erzielt die Bundesregierung einen Kompromiss. Ist das Ausdruck einer neuen Handlungsfähigkeit? Etliche Streitpunkte können jedenfalls nicht gelöst werden.
          Suchen nach Kraft und Mut: Anne Will diskutiert mit ihren Gästen (hier Franziska Giffey und Volker Bouffier) den Zustand der Großen Koalition.

          TV-Kritik „Anne Will“ : Kein Mut in Sicht

          Deutschland driftet auseinander: Im Westen wird das Land grün, im Osten blau. Bei Anne Will geht es darum, ob die Bundesregierung noch den Willen und die Kraft hat, mit überzeugender Politik zu antworten. Das Ergebnis der Debatte ist ernüchternd.
          Für das Kaninchen war es blutiger Ernst: Prepper-Training in Thüringen

          FAZ Plus Artikel: „Prepper“-Szene : Staatsfeinde im Pfadfinderlager?

          Zombieapokalypse, Alieninvasion, Atomkatastrophe – die „Prepper“-Szene will vorbereitet sein und hortet Konserven, Gas und teilweise auch Waffen. Zudem gären rechtsextreme Ideologien. Sicherheitsbehörden stoßen an ihre Grenzen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.