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Heikle Fragen an Putin : Die Schöne und der Präsident

Hat sich der Opposition angeschlossen: Fernsehmoderatorin Ksenja Sobtschak stellt Putin unangenehme Fragen Bild: Picture-Alliance

Mit einem Mal war die Pressekonferenz des russischen Präsidenten kein routiniertes Ritual - es wurde auch persönlich: Das einstige Glamour-Girl Ksenja Sobtschaks brachte Waldimir Putin mit ihren Fragen in Bedrängnis.

          Wladimir Putin unterbrach Ksenja Sobtschaks Frage mit einer Frage an seinen Pressesprecher: „Warum hast Du ihr das Wort erteilt?“ Sein Tonfall oszillierte eigenartig zwischen ironisch und verärgert. Dann redete er sie mit dem Kosenamen „Ksjusch“ an und gestattete ihr, gleich noch eine zweite Frage zu stellen – die jährliche Pressekonferenz des russischen Präsidenten verließ die Geleise eines routinierten Rituals und wurde plötzlich sehr persönlich.

          Reinhard Veser

          Redakteur in der Politik.

          Putin begann seine politische Karriere Anfang der neunziger Jahre als enger Mitarbeiter ihres Vaters, des Petersburger Bürgermeisters Anatolij Sobtschak, dem er auch dann noch demonstrativ die Treue hielt, als er Mitte der neunziger Jahre vor – vermutlich politisch motivierten – Korruptionsermittlungen aus Russland floh.

          Gerüchte sagen, Putin sei Ksenja Sobtschaks Taufpate. Im ersten Jahrzehnt seiner Herrschaft war sie das oberste Glamour-Girl Russlands. Sie moderierte beliebte Fernsehsendungen und zog überall dort alle Blicke auf sich, wo sich die Reichen und Schönen des Landes trafen. Doch als vor drei Jahren in Moskau Proteste gegen Putins Herrschaft begannen, tauchte sie plötzlich unter den Demonstranten auf. Auf der Pressekonferenz war sie für den oppositionellen Fernsehsender „Doschd“, der seit Monaten mit allerlei Schikanen so stark unter Druck gesetzt wird, dass er in seiner Existenz bedroht ist.

          Mit ihrer ersten Frage nötigte Ksenja Sobtschak Putin zu einem rhetorischen Zugeständnis: Wie er als Jurist dazu stehe, dass in Tschetschenien die Häuser von Verwandten von Terroristen niedergebrannt werden, nachdem Republikpräsident Ramsan Kadyrow damit gedroht hatte? Putin wand sich, verwies darauf „dass in der Regel die Verwandten von Terroristen von deren Plänen wissen“, konnte andererseits aber nicht den offenen Bruch russischer Gesetze durch Kadyrow rechtfertigen und sagte: „Er hatte nicht das Recht zu diesen Äußerungen.“

          Wladimir Putin während seiner Jahrespressekonferenz: Rhetorische Zugeständnisse an Ksenja Sobtschak

          Diese Distanzierung ist bemerkenswert: Nicht nur die Opposition, sondern auch kremltreue Politiker kritisieren seit langem, dass Kadyrow in seinem Herrschaftsgebiet das russische Recht praktisch außer Kraft gesetzt habe – und Putin schwieg dazu. Kadyrow, der in den vergangenen Jahren auch als Hintermann von Morden an Menschenrechtlern verdächtigt wurde, gilt eigentlich als unantastbar, weil er in Tschetschenien nach den beiden Kriegen mit brutaler Gewalt für Ruhe gesorgt hatte.

          „Organisierte Hetzjagd“

          Mit ihrer zweiten Frage wurde Ksenja Sobtschak persönlich: Einst, so wandte sie sich an Putin, habe er  von einer „organisierten Hetzjagd“ auf ihren Vater gesprochen: „Und jetzt sind wir wieder in einer Zeit der Hetzjagden“. Sie nannte Sänger und Oppositionelle, die als „Nationalverräter“ und „fünfte Kolonne“ beschimpft werden, seit Putin seine Gegner in der Rede zum Anschluss der Krim so bezeichnet hat.

          Über sich selbst sprach sie nicht, dabei war auch sie selbst nach Besuchen in der Ukraine Angriffen ausgesetzt, die unter die Gürtellinie gingen. Ob er dem nicht Einhalt gebieten wolle, fragte sie. Putin wollte nicht: „Keine offizielle Person, niemand aus den Staatsorganen nimmt an Hetzjagden teil.“ Wenn es aber eine „gesellschaftliche Reaktion“ auf die Haltung seiner Kritiker gebe, „dann müssen sie verstehen, dass sie kein Monopol darauf haben, andere zu beschuldigen“.

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