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Opfer der Krise : Spaniens Wirtschaft wächst, doch die jungen Menschen spüren nichts

Ein arbeitsloser Universitäts-Absolvent sucht in Madrid nach Stellenangeboten. Bild: Reuters

Obwohl sich die Wirtschaft in Spanien langsam wieder erholt, finden junge Menschen immer noch keine Arbeit. Akademiker kellnern, wenn sie nicht ihr Glück in der Ferne wagen. Ein junger Architekt erzählt, warum er bleibt und kämpft.

          3 Min.

          Die Krise raubt Omar Curros den Schlaf. Der 31 Jahre alte selbständige Architekt hat momentan keinen Auftrag. Deshalb kann er tagsüber mit Freunden Kaffee trinken und am Meer spazieren gehen in La Coruña, einer Stadt an der Küste Galiciens, der nördlichsten Region Spaniens. So richtig genießen kann er das nicht. „Mein Leben ist ein Scherbenhaufen“, sagt er, lacht, und schiebt hinterher: „Aber ich bin Optimist.“

          Leonie Feuerbach

          Redakteurin im Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Omar Curros, kurze Haare, langer Bart, schlendert an einem bewölkten Tag im Spätsommer mit einer Gruppe Gleichaltriger die Strandpromenade von La Coruña entlang. Sein ehemaliger Mitbewohner und Studienkollege Carlos García Martinez ist aus Bern zu Besuch gekommen. Vor etwa sechs Jahren sind die beiden mit dem Architekturstudium fertig geworden, auf dem Höhepunkt der Krise. Nach dem Platzen der Immobilienblase war der Bausektor am schlimmsten betroffen. Niemand baute mehr, es gab keine Ausschreibungen für Projekte. Beide fanden nur kurzfristige Anstellungen, zogen aus dem Studentenwohnheim aus und wieder bei ihren Eltern ein.

          Ein Zimmer, das man selbst bezahlen kann

          So ging das einige Jahre. Ihnen und vielen anderen jungen Spaniern stellt sich seit 2007 deshalb die Frage: Bleiben und kämpfen, unterstützt von Eltern und Freunden? Oder ins Ausland gehen, wo es zwar Arbeit gibt, man aber auf sich allein gestellt ist und die Landessprache nicht spricht? García Martinez entschied sich zu gehen. Damals fühlte er sich dazu gezwungen und tat es widerwillig. Heute fühlt er sich wohl in Bern. Er genießt es, ein festes Einkommen und ein Zimmer zu haben, für dessen Miete er selbst aufkommt. Er spricht jetzt schon ziemlich gut Deutsch und lernt Französisch.

          Curros wird nachdenklich, wenn er seinen Freund reden hört. Mehrmals war er kurz davor, es ihm gleich zu tun. Er hatte Deutschkurse besucht und seiner Freundin verkündet, er werde auswandern. Dann blieb er aber doch. Ihretwegen, und weil er eigentlich nie so richtig weg wollte. Eine Kollegin schlug ihm vor, sich zusammenzutun und gemeinsam an Ausschreibungen teilzunehmen. Seine Eltern zahlten ihm die Miete.

          Von der Krise ist in jedem Gespräch der jungen Leute die Rede. Ökonomen und Politiker sagen zwar, dass sie vorbei sei; das Wachstum ist mit 3,3 Prozent so hoch wie vor dem Platzen der Immobilienblase. Bei Curros und seinen Freunden kommt dieses Wachstum, das in den offiziellen Statistiken steht, aber nicht an. Wenn einer einen Job hat, dann weit unter seiner akademischen Qualifikation, etwa in einer der vielen Bars, die im ehemaligen Problemviertel der Stadt eröffnen. Oder bei Inditex, dessen Zentrale in einem nur gut zehn Kilometer entfernten Vorort La Coruñas sitzt. Zu dem Modeimperium gehören Zara, Bershka, Pull & Bear, Massimo Dutti und andere Modeketten; es ist der Hauptarbeitgeber der Region.

          Traum von 1000 Euro im Monat

          Angeblich gehe es Spanien wieder besser, aber die Jungen fänden keine würdevolle Arbeit mit vernünftigem Gehalt, könnten nicht für die Zukunft sparen, klagt eine junge Frau, die bei Inditex im Büro arbeitet. Omar Curros sieht es genauso. „Wie soll eine Pflanze wachsen, die man nicht gießt?“, fragt er. Und die Wirtschaft könne ja wohl auch nicht wachsen, wenn die Gehälter so niedrig seien, dass niemand etwas kaufen könne. Vor der Krise beschrieb der Begriff der „Mileuristas“ junge Berufstätige, die trotz Vollzeitarbeit nicht mehr als tausend Euro im Monat verdienten. Heute könnten die meisten Leute seines Alters von tausend Euro im Monat nur träumen, sagt Curros. Sein Bruder arbeitet vierzig Stunden die Woche in einer Bar und verdient gerade einmal 750 Euro im Monat. Seine eigenen Freunde sind mittlerweile alle weg, haben Spanien und ihre Hoffnungslosigkeit hinter sich gelassen. Sie arbeiten nun in der Schweiz, in Deutschland, Österreich, England, Frankreich oder Australien.

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          Für Curros hatte es zu Beginn seiner Karriere eigentlich gut ausgesehen. Schon während des Studiums arbeitete er in einem Architekturbüro. Doch als die Aufträge ausblieben, entließ der Chef drei seiner vier Angestellten. Curros durfte als einziger bleiben, bis auch er irgendwann entlassen wurde. Die Frau, wegen der Curros auch im Lande blieb, hat sich inzwischen von ihm getrennt. Sie hat seit einigen Jahren eine sichere Stelle als Lehrerin, will heiraten und Kinder bekommen. Curros ist mal hier und mal dort, lernt Sprachen und bildet sich fort. „Die letzten fünf Jahre waren chaotisch bei mir und geregelt bei ihr.“ Es passte irgendwann einfach nicht mehr zusammen.

          Nun steht in seinem Leben alles auf wackeligen Beinen. Ein Mann möchte sich ein Haus planen lassen, erfährt er, vielleicht von ihm, doch noch hat der den Auftrag nicht. Und ob er einen der Architekturwettbewerbe gewinnen wird, für die er sich gemeinsam mit seiner Kollegin beworben hat, weiß er nicht. Omar Curros kann nicht behaupten, wegen der Krise etwas Ungewöhnliches ausprobiert zu haben. Seit er seinen Job im Architekturbüro verloren hat, fühlt sein Leben sich an, als säße er in einem Wartezimmer. Ein Jahr will er sich noch geben in dem Projekt mit seiner Kollegin. Länger will er nicht mehr warten, nicht mehr länger von seinen Eltern abhängig sein. „Wenn man es objektiv betrachtet, werde ich nach diesem Jahr gescheitert sein“, sagt er. Aber er will es nicht objektiv betrachten, sondern optimistisch.

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