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„Dschihadi John“ : Die Legende vom lieben Jungen

Bild: dpa

Wie wurde Mohammed Emwazi zu „Dschihadi John“, dem Henker der Terrormiliz IS? Besonders dem britischen Geheimdienst werden Vorwürfe gemacht. Ob der MI5 tatsächlich einen friedfertigen jungen Mann zum Mörder machte, wird jedoch von Fachleuten stark bezweifelt.

          War Mohammed Emwazi ein guter Junge, der durch das angeblich islamophobe Klima in Großbritannien und den britischen Geheimdienst in die Rolle des „Dschihadi John“ gedrängt wurde? Oder haben, umgekehrt, die Sicherheitsbehörden versagt und einen seit langem auffälligen Extremisten unzureichend überwacht? Das sind Fragen, die die Briten nach der namentlichen Identifizierung des meistgesuchten Terroristen des „Islamischen Staates“ (IS) diskutieren.

          Jochen Buchsteiner

          Politischer Korrespondent in London.

          Nachdem die „Washington Post“ und der BBC erstmals Anhaltspunkte über Emwazi geliefert hatten, den die Öffentlichkeit nur als schwarz maskierten Killer aus Propaganda-Videos kennt, begaben sich Reporter am Donnerstag und Freitag auf Spurensuche in London.

          Emwazi war offenbar sechs Jahre alt, als seine Eltern von Kuweit nach London zogen. Dort arbeitete sich sein Vater vom einfachen Fahrer zum Besitzer eines Taxiunternehmens hoch. In der Nachbarschaft galt die Familie als gläubig, aber nicht fanatisch. Die ersten Jahre besuchte Mohammed Emwazi sogar eine kirchliche Schule, die „St. Mary Magdalene Church of England Primary School“. Er war, so berichten frühere Klassenkameraden, ein Fan der Pop-Gruppe „S Club 7“, verfolgte die Kicker von Manchester United und liebte das Computerspiel „Duke Nukem: Time to kill“.

          Zugleich praktizierte er seinen Glauben und ging zum Beten in die Moschee. In diesem Umfeld stieß er möglicherweise erstmals auf Muslime, die Verbindungen zur Terrorgruppe Al-Shabaab in Somalia unterhielten. Radikale religiöse Gruppen waren (und sind) aber auch an der „University of Westminister“ aktiv, wo Emwazi bis 2009 Computer-Programmierung studierte. Noch am Donnerstag sah sich die „Islamische Gesellschaft“ an der Universität gezwungen, einen Prediger auszuladen, der Schwule als „Menschheitsplage“ bezeichnet und sich für weibliche Genitalverstümmelung ausgesprochen hat. 

          Nach Beobachtungen der Sicherheitsbehörden, die Emwazi spätestens seit 2009 auf dem Radar hatten, nutzte er Fußballspiele als Tarnung für konspirative Gespräche. Aus dem Kreis, der damals vom Inlandsgeheimdienst MI5 beobachtet wurde, gingen mehrere Terroristen hervor, von denen einige später in Somalia oder Syrien getötet wurden. Offenbar bestand auch eine Verbindung zu Michael Adebolajo, der im Mai 2013 den britischen Soldaten Lee Rigby auf offener Straße mit einem Fleischermesser getötet hat.

          Viele Beschwerden über Berichterstattung

          All dies geschah, bevor Emwazi direkten Kontakt zum MI5 hatte. Deshalb erstaunt der Vorwurf, er sei durch schlechte Erfahrungen mit dem britischen Staat radikalisiert worden. Erhoben hat ihn eine „Menschenrechtsorganisation“, die sich „Cage“ nennt und vor allem in der BBC breiten Raum für ihre Sicht Dinge erhielt. Asim Qureshi, der „Forschungsdirektor“ der Organisation, beschrieb Emwazi als „extrem warmen, extrem zartfühlenden und den bescheidensten jungen Menschen, den ich je getroffen habe“.

          Dieser „wohlgeratene Mann, der niemandem etwas zuleide tun konnte“ sei erst durch die „Drangsalierung“ des MI5 auf Abwege geraten. Als Beleg präsentiert die Organisation einen Brief Emwazis, in dem er schreibt, er fühle sich „wie ein Gefangener, aber nicht in einem Käfig, sondern in London“.

          Asim Qureshi sagt, der britische Geheimdienst sei Schuld an der Radikalisierung von Mohammed Emwazi.

          Der MI5 fing Emwazi im Jahr 2010 nahe Somalia ab – „Cage“ versichert, er habe eine Safari in Tansania machen wollen – und verhörte ihn später in Amsterdam. Aus Sicht von „Cage“ widersetzte sich Emwazi damals einem Rekrutierungsversuch und fühlte sich danach empfindlich in seiner Freiheit eingeschränkt.

          So ähnlich hatte auch der Rigby-Mörder Adebalajo argumentiert, dessen Familie ebenfalls von der Organisation vertreten wird. Qureshi zeigte sich auch auf Nachfrage außerstande, Emwazis Morde zu verurteilen und sprach sich lieber allgemein gegen willkürliche Inhaftierung, Folter und Töten aus.

          Viele beschwerten sich am Freitag darüber, dass die BBC und Sky News der Organisation eine Bühne für deren „abstoßende Propaganda“ („Daily Mail“) geboten hat. Shiraz Maher, Radikalisierungsforscher vom King´s College, nannte es „erbärmlich“, Emwazis Entwicklung zum kaltblütigen Serienmörder dem britischen Geheimdienst anlasten zu wollen. Die Zeitung „The Guardian“ ist hingegen der Meinung, die Geheimdienste müssten nun „ernste Fragen“ beantworten, etwa ob Emwazi tatsächlich stranguliert wurde.

          Andere wundern sich eher darüber, wie es der MI5 zulassen konnte, dass sich der seit langem beschattete Emwazi im Jahr 2012, offenbar mit einem falschen Pass, nach Syrien absetzte. Verständnis erfuhren die Geheimdienste immerhin von Bethany Haines, der Tochter des britischen Helfers Davis Haines, der in einem IS-Video mit Emwazi enthauptet wurde. „Sie tun, was sie tun können – sie hatten ja vorher noch nie mit einem sogenannten Islamischen Staat zu schaffen.“

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