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Rücktritt in Wien : Wie die Medien auf Faymanns Abgang reagieren

  • -Aktualisiert am

Muss in fremde Fußstapfen treten: Vizekanzler Reinhold Mitterlehner (links) übernimmt bis zur Wahl des neuen Bundeskanzlers das Amt des zurückgetretenen Werner Faymanns. Bild: AP

Österreichs Bundeskanzler Werner Faymann hat sein Amt nach „fehlender Rückendeckung“ seiner SPÖ-Parteigenossen aufgegeben und erntet viel Kritik – auch in den Medien. Eine Presseschau.

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          Für den Fall, dass Werner Faymann gehofft hat, sich und die SPÖ mit seinem Rücktritt aus einer völlig verfahrenen politischen Lage zu befreien, lag er wohl falsch. Seine Partei sei gespalten und die Rückendeckung aus den eigenen Reihen fehle, sagte Faymann auf der Pressekonferenz zu seinem Rücktritt. Aber nicht nur von engen Parteifreunde wird sein Befreiungsschlag kritisch bewertet -  auch die Medien ziehen eine negative Bilanz seines politischen Wirkens der vergangenen Wochen und Tage.

          Ivo Mijnssen schreibt in seinem Kommentar „Der Teflon-Kanzler tritt ab“ für die „Neue Zürcher Zeitung“ von einem Fiasko der österreichischen Sozialdemokraten. Faymanns Partei stehe nun mehr denn je vor einer Zerreißprobe. In welche Richtung die Sozialdemokraten in ihrer Identitätskrise aufbrechen sollten, sei unklarer denn je. Der Politiker sei ein Mann gewesen, der auch vor faulen Kompromissen und abrupten Kehrtwenden nicht zurückgeschreckt sei. Er habe aber zu wenig neue Ideen gehabt und sei ein Verwalter jenen politischen Stillstands, der maßgeblich für das schwindende Vertrauen der Österreicher in die beiden einstigen Großparteien SPÖ und ÖVP verantwortlich sei. Auch nach dem Rücktritt sei sich Faymann treu geblieben, in einem Gefälligkeitsinterview mit seinem Leibblatt „Österreich“ habe er eine Auszeit angekündigt.

          „Tages Anzeiger“-Korrespondent Berhard Odehnal bezeichnet Werner Faymann in seinem Artikel „Kurs halten bis zum Untergang“ als Einzelgänger, der keine Diskussionen zulasse und niemanden einbeziehe. Er sei so zurückgetreten, wie er jahrelang regiert hätte. Faymann sei ein Mann, für den Loyalität alles und Erfolg wenig bedeute.

          Er habe mit seinem Rücktritt alle überrascht: die Journalisten, die Parteifreunde, die Parteifeinde und die Opposition. Selbst den Bundespräsidenten. Viel zu lange habe Faymann über die ideologischen Gräben seiner Partei hinweggesehen. Auf die Frage, wie man mit Rechtspopulisten umgehen soll, habe er keine Antwort gefunden. Vertrauen habe der Parteichef auch in der Flüchtlingskrise verloren. Mit dem Schwenk weg von der Zusammenarbeit mit Deutschland hin zur Abschottung mit Grenzzäunen und Obergrenzen für Asylbewerber habe er den linken Flügel der SPÖ verärgert. Faymann habe nur auf ein paar Genossen, die er aus Jugendtagen kennt, gehört, und auf den Politikchef des Boulevardblatts „Kronen Zeitung“.

          „Österreich hat das Gedränge in der Mitte satt“

          Stefan Kornelius schreibt im Kommentar mit dem Titel „Kanzler weg, alle weg“ in der „Süddeutschen Zeitung“, dass die Sozialdemokraten in Wien inhaltlich und personell ausgelaugt, verbonzt und ohne Charisma seien und lässt kein gutes Haar an Faymann. Zu den schlechten Zuständen habe nämlich der zurückgetretene Kanzler beigetragen. Faymann habe über das Charisma einer Sanduhr verfügt.

          Die Führungskraft gebe es zwar nicht mehr, die übrigen Probleme aber schon. Anstatt eine klare Linie gegen die FPÖ zu fahren, habe der Kanzler in seiner Partei die absurdesten Begehrlichkeiten geweckt und mit seinem Radikalschwenk in der Flüchtlingspolitik die ideologische Verwirrung gesteigert.

          Dafür habe er auch bei der Bundespräsidentenwahl die vorläufig letzte Quittung erhalten. So könne man ein Land und eine Partei nicht führen. Österreichs Demokraten hätten nun die letzte Chance, eine Besinnungspause zu nutzen und eine klare Politik der Abgrenzung zur FPÖ zu beschließen. Das Land habe das Gedränge in der Mitte satt, es wolle Alternativen sehen – oder die Bürger würden eben das populistische Original wählen.

          „Jetzt geht der Machtkampf erst richtig los“ schreibt Björn Hengst von „Spiegel-Online“. Die Boshaftigkeiten gegenüber Faymann seien in den vergangenen Tagen praktisch unbegrenzt gewesen. SPÖ-Anhänger hätten ihn ausgepfiffen, als er am 1. Mai auf dem Wiener Rathausplatz das Wort ergriffen habe und führende Genossen spekulierten unverhohlen über mögliche Nachfolgekandidaten.

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