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Familiengeschichte : Putin, diesmal angeblich persönlich

Eine russische Familie, 1985: Wladimir Putin mit Wladimir und Maria Putin, die er seine Eltern nennt. Bild: Getty

Um die Abstammung des Wladimir Putin ranken sich viele Legenden. Ein kürzlich erschienener autobiographischer Text des russischen Präsidenten gibt Rätsel auf. Woher kommt er wirklich?

          Der russische Präsident Putin hat in der Zeitschrift und auf der Internetseite „Russkij pioner“ einen zutiefst persönlichen Text veröffentlicht. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung druckte ihn am 7.Mai nach. Der Aufsatz heißt „Das Leben ist eine einfache und grausame Sache“. Er handelt von den Erlebnissen von Putins Eltern im Zweiten Weltkrieg und ist höchst professionell geschrieben, im Duktus einer aufgezeichneten mündlichen Erzählung.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          Mit Pausen und assoziativen Einschüben, was sich die Redenschreiber des Kremls nie erlauben würden. Er steht in auffälligem Gegensatz zu der von Putin selbst entfesselten staatlichen Hasspropaganda und der hysterischen Demonstration militärischer Stärke.

          Der Präsident vergegenwärtigt in seinem Text den Zweiten Weltkrieg als Opfergang. Er behauptet, Gespräche seiner Eltern zusammenzufassen. Sein Vater habe fünf seiner sechs Brüder verloren. Er sei durch Schrapnellverletzungen zum Invaliden geworden. Sein erster Sohn, Wladimir Putins älterer Bruder, sei während der Leningrader Blockade gestorben. Die Mutter des Präsidenten wäre um ein Haar verhungert.

          Familiengeschichte als Charakterstudie

          Dennoch habe sie für die Deutschen keinen Hass empfunden. Das soll bedeuten: Die Familie des Präsidenten hat Anteil an dem Leid, das das Sowjetvolk auf tragische Weise adelte. Putins Mutter sei eine jener großherzigen russischen Frauen, die Mitgefühl für die feindlichen Soldaten empfand. Das hat sowohl Zeitzeugen als auch Memoirenleser immer wieder beeindruckt.

          Manche verstehen die Publikation als Versuch, Putins Familiengeschichte zu kanonisieren – und auch als Antwort auf die operettenhafte, mittlerweile 15 Jahre alte Hypothese, Putins leibliche Mutter sei die inzwischen 89 Jahre alte Vera Putina. Sie lebt in Georgien in dem Dorf Metechi. Entsprechende Berichte kursierten schon bald nach Putins Amtsantritt als Präsident in georgischen und türkischen Medien.

          2003 wurde ein georgisch-niederländischer Dokumentarfilm daraus. Vorigen Herbst verwandelte das Moskauer Dokumentartheater „teatr.doc“ den Stoff zu einer tragisch-grotesken psychologischen Charakterstudie. Sie war von georgischer Fabulierkunst und dem romantischen Verhältnis zwischen Russland und Georgien inspiriert. Die geheimdienstlich kontrollierte, nicht überprüfbare Version Putins zieht solche Gegenversionen geradezu an.

          Besuch vom Geheimdienst

          Der Gegenlegende zufolge kam Wladimir Putin als unehelicher Sohn der in Georgien lebenden Technikstudentin Vera und des Russen Platon Priwalow zur Welt. Das soll im Jahr 1950 gewesen sein – also zwei Jahre vor seinem offiziellen Geburtstag. Seine Mutter soll sich mit dem Kind zu ihren Eltern zurückgezogen haben, als sie erfuhr, dass Priwalow verheiratet war.

          Vera heiratete später den inzwischen verstorbenen Georgier Osepaschwili, der den Ziehsohn Wladimir eine Weile mit ernährte. Dann wurden drei eigene Töchter geboren. Der kleine Wladimir, der inzwischen zur Grundschule ging, fiel dem Stiefvater zur Last und beschwor Ehekrisen herauf.

          Vera Putina will ihren neun Jahre alten Sohn dem kinderlosen Paar Wladimir und Maria, entfernten Verwandten ihrer Eltern in Leningrad, übergeben haben. Mit schlechtem Gewissen, weil sie nicht anders konnte. Später, behauptete sie, seien Geheimdienstbeamte in ihr Haus gekommen, hätten sämtliche Familienfotos mitgenommen und ihr eingeschärft, sie dürfe niemandem von ihrem Sohn erzählen, die Geschichte sei Geheimsache.

          Kein Beweis für Mutterschaft

          Die gebrechliche alte Frau hat für ihre Behauptung, sie sei Putins Mutter, keine Beweise. Zwar sollen britische Reporter in einem örtlichen Archiv Dokumente gefunden haben, wonach Ende der fünfziger Jahre tatsächlich ein Junge namens Wladimir Putin in Metechi zur Grundschule gegangen ist.

          Doch ein Kinderfoto von Wladimir Putin, auf dem seine charakteristischen Züge schon gut erkennbar sind, zeigt ihn auf dem Schoß von Maria Putina sitzend. Auf dem Foto ist Putin etwa sechs bis acht Jahre alt, also jünger, als ihn die Witwe Vera aus Georgien weggegeben haben will. Ein Bruder Veras will ein noch früheres Kinderfoto vor den Geheimdienstlern gerettet haben. Darauf sieht der angebliche kleine Wladimir allerdings ganz anders aus.

          Die Zeitschrift „Russkij pioner“ ist die literarische Kreativplattform des Kremls. Sie ermöglicht es Putin, sich auf eine höhere Reflexionsstufe zu begeben. Hier profilierte er sich, als er als Premierminister unter Präsident Medwedjew den zweiten Mann im Staat mimte, mit einer „Adrenalin“ betitelten Reportage über eine wissenschaftliche Expedition mit Walforschern. Er verfasste aber auch sozialethische Belehrungen für Manager, die in wirtschaftlichen Krisenzeiten ihre Mitarbeiter lieber nicht entlassen sollten.

          Der Krieg hat nichts Großartiges

          Putin will sich mit seiner Geschichte offenbar ein neues Image erschreiben. Solange er sich als Chef einer Rohstoffgroßmacht und international parkettfähig fühlen durfte, kehrte er gern den Chauvinisten hervor. Jetzt allerdings verficht er expansiv die ökumenische Gemeinschaft aller Russen unter Moskaus Schutz. Es zieht ein neuer Kalter Krieg herauf, die wirtschaftlichen Perspektiven des Landes verdüstern sich. Seither kultiviert Putin den philosophischen Herrscher.

          Er zitiert christlich-konservative russische Denker, vorzugsweise Iwan Iljin, aber auch Nikolai Berdjajew und Wladimir Solowjow. Zur „Russischen Welt“ gehören indes auch Intellektuelle, die aus Abscheu für das Kreml-Regime im Ausland leben. Beispielsweise der Schriftsteller Michail Schischkin, der sich anlässlich des Siegesjubiläums daran erinnerte, wie sein Vater nach dem Krieg zum Alkoholiker wurde. Als U-Boot-Matrose hatte er in der Ostsee Flüchtlingschiffe torpediert. Schischkin kann am Krieg nichts Großartiges entdecken. Präsident Putin schreibt hierzu die Gegenliteratur.

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