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Was wussten die Geheimdienste? : Von Grosnyj bis Boston

  • -Aktualisiert am

Obama (links) bespricht im Situation Room mit seinen Beratern die Lage nach dem Bombenanschlag auf den Boston-Marathon. Bild: The White House

Nicht nur das FBI hatte den getöteten der beiden mutmaßlichen Attentäter von Boston im Visier - auch der russische Geheimdienst erkundigte sich 2011 in den Vereinigten Staaten nach Tamerlan Zarnajew. Auch jetzt sucht Präsident Putin die Zusammenarbeit mit Washington.

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          In Russland geht seit den neunziger Jahren die Furcht um, dass internationale Terroristen sich in die Konflikte zwischen Moskau und den unruhigen Nordkaukasusrepubliken, in denen der Islamismus Zulauf hat, einmischen könnten. Dem Westen wurde in diesem Zusammenhang vorgeworfen, dass ihm die Destabilisierung Russland im Nordkaukasus gerade recht sei. Diese antiwestliche Rhetorik war vor allem das Ergebnis der Enttäuschung darüber, dass Präsident Wladimir Putins Versuch, Russlands militärisches Vorgehen gegen immer mehr islamistisch geprägten Separatismus im Nordkaukasus in den Rahmen des Kampfes gegen den internationalen Terrorismus zu stellen, fast ohne Erfolg blieb.

          Putin setzte nach den Anschlägen von 9/11 auch gegen Widerstände im eigenen Land durch, dass Moskau amerikanische Stützpunkte in Zentralasien tolerierte, die für die Versorgung von amerikanischen Truppen im Kampf gegen die islamistischen Taliban in Afghanistan notwendig schienen. Der Grund für die kühle Reaktion des Westens waren die permanenten Verletzungen der Menschen- und Bürgerrechte im Nordkaukasus durch die Moskau untergebenen lokalen Machthaber, die russische Armee, Polizei und Geheimdienste.

          Aufzeichnungen eines getöteten Anführers in Dagestan enthielten jüngst jedoch Hinweise, dass Geld nicht aus dem Westen, sondern aus Saudi-Arabien via Türkei ins Land zur Unterstützung der Kämpfer gelangt. Die Verbindungen innerhalb einer islamistischen Terrorinternationale – diesmal in einer anderen Richtung – haben durch das Attentat von Boston Nahrung erhalten.

          FSB wurde auf Tamerlan Zarnajew aufmerksam

          Denn es ist nicht völlig auszuschließen, dass zumindest einer der Attentäter, der ältere der beiden tschetschenischstämmigen Brüder, Tamerlan Zarnajew, während einer Reise nach Russland im vergangenen Jahr, die sechs Monate gedauert und ihn ins nordkaukasische Dagestan zu seinem Vater Ansor und womöglich nach Tschetschenien geführt haben soll, in Kontakt mit islamistischen Untergrundkämpfern des sogenannten „Kaukasischen Emirats“ gekommen ist, diesen vielleicht sogar gesucht hat.

          Bei dem Anführer des „Emirats“ handelt es sich um den Tschetschenen Doku Umarow, der dieser Tage wieder einmal im Grenzgebiet zwischen Tschetschenien und Inguschetien angeblich beinah in die Falle der Sicherheitskräfte gegangen wäre. Umarow hatte sich vor einigen Jahren dem weltweiten Dschihad und damit der islamistischen Terrorinternationale angeschlossen. Zu den Gegnern, die es zu bekämpfen gilt, zählte er sowohl Russland als auch ausdrücklich Amerika und den gesamten Westen. Washington hat ihn seither auf die Liste der zehn weltweit gefährlichsten Terroristen gesetzt und eine Belohnung von fünf Millionen Dollar auf seine Ergreifung ausgesetzt.

          Zu einer engeren Zusammenarbeit zwischen den amerikanischen und russischen Geheimdiensten bei der Bekämpfung islamistischer Terroristen hat die seinerzeitige Kriegserklärung Umarows indes wohl nicht geführt. Immerhin aber vor zwei Jahren zu einer Anfrage des russischen Geheimdienstes FSB in Amerika wegen Tamerlan Zarnajew, auf den die Russen wohl aufmerksam geworden waren. Die Nachrichtenagentur Interfax berichtete jedoch am Wochenende unter Berufung auf russische Geheimdienstkreise, der FSB habe amerikanischen Geheimdiensten keine Informationen von operativer Bedeutung über die Zarnajews übermitteln können, weil beide schließlich nicht in Russland, sondern in Amerika gelebt hätten.

          Nicht dem russischen Spektakel aufsitzen

          Zur Frage, wieso es möglich war, dass Tamerlan Zarnajew, auf den der russische Geheimdienst wahrscheinlich wegen dessen islamistischer Neigungen aufmerksam geworden war, bei der Reise nach Dagestan offenbar nicht überwacht wurde, hat die russische Führung bislang nicht Stellung genommen. Präsident Obama und der russische Präsident Putin, auf dessen Initiative am Wochenende ein längeres Telefongespräch zustande kam, haben jetzt aber eine engere Kooperation bei der Bekämpfung des internationalen Terrorismus vereinbart.

          Zuvor hatte Putins Sprecher Dmitrij Peskow an Putins Aussagen von vor gut einem Jahrzehnt öffentlich erinnert, dass es nur den einen Terrorismus gebe und die Gefahr unteilbar sei. Eine solche Kooperation würden Islamisten zu verhindern trachten, und das könnte der Grund für Äußerungen eines „dagestanischen Mudschahedin-Kommandos“ des von Umarow geführten kaukasischen Emirats vom Wochenende sein, die auf der Internertseite „Kavkaz Center“ zu lesen war.

          Es sei unzutreffend, dass (Tamerlan) Zarnajew mit den dagestanischen Mudschahedin zusammengearbeitet habe, denn diese führten keinen Krieg gegen Amerika, sondern nur gegen den Besatzer des Kaukasus, Russland, das sich furchtbare Verbrechen gegen Muslime zuschulden kommen lasse. Amerikanische Medien sollten es daher vermeiden, der russischen Propaganda aufzusitzen, und aufhören, Spekulationen zu verbreiten. Wenn die amerikanischen Behörden den Anschlag von Boston tatsächlich aufklären wollten, müssten sie der Frage nachgehen, ob der russische Geheimdienst nicht seine Finger im Spiel gehabt habe, anstatt sich für ein russisches Spektakel einspannen zu lassen.

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