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Wahlen in der Ukraine : Was sich in der Ukraine getan hat

Diese Architekturstudenten führen die Organisation „CityLab“ und wollen den Lenin-Platz in Poltawa neu gestalten. Bild: Yulia Serdyukova

Nach dem Sturz des Janukowitsch-Regimes: Ein Wahlkampf mit Filmen, Kopfschmerzmittel und zumindest etwas fragwürdigen Kandidaten. Ein Besuch vor der Kommunalwahl in Poltawa.

          Lenin ist aus Poltawa verschwunden. Als er Ende Februar 2014 zuletzt gesehen wurde, lag er ziemlich lädiert neben dem Sockel, auf dem er mehr als fünfzig Jahre gestanden hatte. Was danach aus ihm wurde, ist unbekannt. Der Platz trägt noch immer seinen Namen, doch an Lenins Stelle weht nun im Oktoberwind eine ukrainische Flagge. Unter dem Schriftzug mit dem Namen des Gründers der Sowjetunion auf dem schwarzen Granitblock ist ein Gemälde, das eine Frau in ukrainischer Tracht zeigt. Sie breitet einen Schutzmantel in den blau-gelben Nationalfarben über der auf einer Wolke stehenden „Himmlischen Hundertschaft“ der Kiewer Majdan-Kämpfer aus.

          Reinhard Veser

          Redakteur in der Politik.

          Roman Powsyk war dabei, als Lenin gestürzt wurde. Wenn man mit ihm spricht, fällt es schwer, ihn sich Parolen schreiend in einer wütenden Menge vorzustellen: Er ist nicht besonders groß, fast zierlich, spricht mit sanfter Stimme. Er hat sich in seiner Heimatstadt Poltawa einen Namen als enthusiastischer Organisator von Kulturveranstaltungen gemacht und ist mit seinen 25 Jahren eine der großen Nachwuchshoffnungen der ukrainischen Lyrik. An jenem Abend aber, an dem in Kiew der Präsident Viktor Janukowitsch gestürzt wurde, war er unter den vielleicht tausend Menschen, die vom Protestlager vor der Gebietsverwaltung Poltawas zum Lenin-Platz zogen.

          „Wir waren so voller Adrenalin, irgendetwas musste geschehen“

          Zuerst versuchten einige Dutzend kräftige Männer vergeblich, Lenin mit dicken Seilen und Muskelkraft vom Sockel zu holen. Dann organisierte irgendjemand einen Lastwagen und Stahltrossen. Auf Internetvideos ist zu hören, wie der wilde Jubel der Masse nach dem Falle der Bronzestatue rasch zu rhythmischen „Ukraina! Ukraina!“-Rufen zusammenfloss. Schließlich sangen alle laut und schief die ukrainische Nationalhymne. „Wir waren so voller Adrenalin, irgendetwas musste geschehen“, sagt Roman Powsyk.

          Bürger tragen Plastiktüten mit Zucker, die sie bei einer Wahlveranstaltung von Oleksandr Mamaj geschenkt bekommen haben. Bilderstrecke

          Seither, so scheint es, ist in Poltawa wenig passiert: Bei der Bürgermeisterwahl am 25. Oktober gelten drei Männer als Favoriten, die alle jene ukrainischen Übel verkörpern, die zur Revolte auf dem Majdan führten. Auf dem Platz vor der Gebietsverwaltung stehen ein paar Zelte, über denen die Fahnen nationalistischer Organisationen wehen. Davor sind Reifen zu einer Barrikade aufgestapelt – nur symbolisch, wie die Männer an den Zelten versichern. Um die Mächtigen an das Volk zu erinnern. Das Volk freilich geht achtlos vorbei.

          Die Stadt mit 300.000 Einwohnern liegt auf halbem Weg zwischen der Hauptstadt und dem Kriegsgebiet in der Ostukraine, nicht nur geographisch, sondern auch politisch. Im Osten haben bei Wahlen stets Kräfte gewonnen, die ihre Nähe zu Russland betonten und sich in Sowjetnostalgie ergingen, im Westen dagegen waren immer Parteien und Kandidaten stärker, die sich nationalukrainisch, demokratisch oder westorientiert gaben. Oder alles gleichzeitig. Die Zentralukraine hingegen schwankte mal in diese, mal in jene Richtung – bis zur Parlamentswahl im Herbst vergangenen Jahres, bei der in Poltawa die Parteien des Majdan zusammen fast drei Viertel der Stimmen bekamen. Im Rest der Ukraine ist das kaum beachtet worden, denn obwohl das Ergebnis einem Erdrutsch gleichkam, war es zugleich auch wie bei allen Abstimmungen in den vergangenen 25 Jahren: Poltawa ist gesamtukrainischer Durchschnitt, der Mittelwert aus Ost und West.

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