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Menschenschmuggel : Der Hafen der Geisterschiffe

Auch die Flüchtlinge auf dem vor der italienischen Küste aufgegriffen Frachter „Blue Sky M“ waren in Mersin an Bord gegangen. Bild: AFP

Die jüngsten Beinahekatastrophen im Mittelmeer belegen es: Mersin hat sich zu einer wichtigen Operationsbasis für Menschenschmuggler entwickelt. Doch nicht nur das Geschäft mit den Flüchtlingen floriert in der südanatolischen Stadt.

          Der Bericht der europäischen Grenzschutzagentur Frontex ist eindeutig: „In einer raschen Strategieanpassung, die ihr Markenzeichen geworden ist, haben die Schmuggler begonnen, größere Schiffe zu nutzen. Es sind üblicherweise ausgemusterte Frachter von bis zu 75 Meter Länge, erworben in den Häfen des Südostens der Türkei, vor allem in Mersin – ein Abreisepunkt, der per Fähre weiterhin mit dem syrischen Hafen von Latakia verbunden ist, was ihn für Zehntausende Syrer erreichbar macht, die noch immer vor dem Konflikt in ihrem Lande fliehen.“

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Zeugenaussagen nach den jüngsten Beinahekatastrophen vor Italiens Küste bestätigen die Darstellung des Ende Dezember veröffentlichten Berichts. Einige der aus Syrien stammenden Flüchtlinge sagten nach ihrer Rettung von dem führungslos dahintreibenden Frachter aus, der Hafen, in dem sie ihre Fahrt gen Italien angetreten hätten, sei Mersin gewesen. Dass Mersin schon seit einiger Zeit eine wichtige Operationsbasis der Menschenschmuggler ist, bestätigen indirekt auch türkische Quellen, so die Mitteilungen des Küstenschutzes. Nach einem anonym eingegangenen Hinweis nahmen der türkische Küstenschutz und die Polizei Anfang Dezember 2014 in zwei getrennten Operationen insgesamt 361 „Illegale“ vor der Küste Mersins fest. Es waren Frauen, Männer und Kinder, vor allem aus dem Irak und aus Syrien. Der offenbar bestens informierte anonyme Hinweisgeber hatte der Polizei mitgeteilt, dass die Menschen auf Fischkuttern zu größeren Schiffen gebracht werden sollten.

          Alte Frachter sind schon für weniger als 700.000 Euro zu haben

          Tatsächlich stoppte der Küstenschutz gut 20 Seemeilen vor Mersin binnen weniger Tage Kutter mit mehreren hundert Menschen an Bord, die offenbar zu einem Frachter mit Ziel Italien gebracht werden sollten. Ein anderes in Mersin in See gestochenes Schiff mit 228 syrischen Flüchtlingen an Bord war Mitte November manövrierunfähig vor der Küste des türkisch kontrollierten Teils von Zypern aus Seenot gerettet worden. Hasan Tacoy, der Verkehrsminister der international nicht anerkannten Türkischen Republik Nordzypern, teilte damals mit, die Behörden hätten einen Notruf von dem unter der Flagge Tansanias fahrenden Schiff erhalten. Die Flüchtlinge sagten aus, ihr Ziel sei Italien gewesen. Sie hätten von Mersin aus auf Kuttern die Reise angetreten und seien auf hoher See auf einen Frachter umgestiegen. Später habe die Besatzung den Frachter verlassen.

          Was in den ersten Tagen des neuen Jahres Schlagzeilen machte, ist also eine schon (mindestens) mehrere Wochen alte Praxis: Die Menschenschmuggler kaufen schrottreife Frachtschiffe, „beladen“ sie mit ihren Kunden und lassen sie mit automatischer Steuerung auf das gelobte Land Italien zufahren, wo die in den Frachtraum eingeschlossenen Passagiere dann, wenn sie Glück haben, vom italienischen Küstenschutz gerettet werden. Medien zitierten nach den jüngsten Vorfällen Fachleute mit der Aussage, alte Frachter seien schon für weniger als 700.000 Euro zu haben. Bei mehreren hundert Passagieren pro Schiff und Überfahrtspreisen von um die 6000 Euro pro Person machen die Drahtzieher also großen Profit.

          Diesel für das Assad-Regime

          Dass sich Mersin offenbar zu einem Umschlagplatz für den einträglichen Handel mit der Hoffnung auf ein besseres Leben entwickelt hat, ist kein Zufall. Die südanatolische Hafenstadt mit ihren mehr als 800.000 Einwohnern ist in den vergangenen Jahren zu einem Magneten für Flüchtlinge aus Syrien geworden. Die Stadt hat viele wohlhabende, gut vernetzte Händler aus Aleppo angezogen, die inzwischen einen Teil des lokalen Geschäftslebens dominieren. Schon im Juli vergangenen Jahres beschwerte sich der Präsident der Handels- und Handwerkskammer von Mersin, Talat Dincer, über die Folgen: Etwa 250 alteingesessene türkische Geschäftsleute der Stadt hätten aufgeben müssen, weil sie der neuen Konkurrenz nicht gewachsen seien. Die Syrer scherten sich nicht um Lizenzen oder gesetzliche Vorschriften, sie zahlten auch keine Steuern, weshalb sie ihre Waren und Dienstleistungen ein Drittel billiger als die Einheimischen anbieten könnten, so Dincer. Tatsächlich scheinen die Behörden die ungeregelte Geschäftstätigkeit syrischer Unternehmer zumindest partiell zu dulden, weil auch sie zum Wirtschaftswachstum beiträgt und ein arbeitender Syrer besser als ein bettelnder Syrer ist, von denen die türkischen Städte ohnehin schon voll sind.

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