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Migration : Exodus aus der Hoffnungslosigkeit

Schweiz ist das Hauptziel der Auswanderung bei Kosovaren

Bei den Kosovaren ist nicht Deutschland, sondern die Schweiz das Hauptziel der Auswanderung. Ein Drittel der jungen Kosovaren will in das Land, dessen Fußball-Nationalmannschaft derzeit neun Spieler im Kader hat, die im ehemaligen Jugoslawien oder als Kinder jugoslawischer Gastarbeiter in der Schweiz geboren wurden. Das zweitbeliebteste Auswanderungsziel der Kosovo-Albaner sind die Vereinigten Staaten (18 Prozent), erst an dritte Stelle folgt Deutschland (16 Prozent). Die meisten Jugendlichen wollen freilich keineswegs als Bittsteller oder Asylanten ins Ausland gehen, sondern hoffen, über bereits dort ansässige Verwandte beruflich Fuß fassen zu können.

Das Phänomen der Asylbewerber aus dem Kosovo ist anders gelagert. Hier handelt es sich vor allem um Roma und die ärmsten Albaner vom Lande, die sich in ganzen Clans und Dorfgemeinschaften aufmachen nach Deutschland. Bei früheren Ausreisewellen vom Balkan hieß es oft, die Roma wüssten genau um die Aussichtslosigkeit ihres Asylantrags, zögen es jedoch vor, die harten Wintermonate nicht in ihren armseligen Hütten, sondern satt und sauber in einer beheizten deutschen Asylunterkunft zu verbringen. Da sie jetzt auch im Sommer ausreisen, verfängt diese Erklärung aber nicht. Zum Teil sind es nun offenbar auch Angehörige der kosovarischen „Mittelklasse“, die ihre Habseligkeiten packen und ein Land verlassen, in dem sie keine Zukunft mehr sehen.

Asylheim als kultureller Schock

Das gilt freilich nicht für alle. Artan Behrami, geboren 1982 in einem Dorf im Norden des Kosovos, war einst selbst Asylant in Deutschland. Als er zehn Jahre alt war, floh seine Familie vor den Repressalien des serbischen Regimes im Kosovo. „Die ersten Tage unseres Aufenthalts in einem Asylheim in Rüsselsheim waren ein kultureller Schock für uns: Plötzlich war die Polizei nicht feindlich, sondern hilfsbereit! Plötzlich war der Staat keine Gefahr, sondern die beste Lebensversicherung!“, erinnert er sich im Gespräch mit dieser Zeitung. Nach zwei Monaten im Lager wurde die Familie in ein Dorf bei Trier gebracht. Behrami integrierte sich rasch, ging zur Schule, spielte Fußball im Dorfverein und wurde Fan des 1. FC Kaiserslautern.

Doch bald nach dem Ende des Krieges in Bosnien-Hercegovina, als sich Serbiens Autokrat Slobodan Milošević zum Bewahrer von Frieden Stabilität auf dem Balkan aufspielte und der Westen darauf hereinfiel, schickte Deutschland die Familie Behrami zurück ins Kosovo. „Die deutschen Behörden hatten beschlossen, uns abzuschieben, da unser Asylantrag abgelehnt worden war. Zuvor hatten wir uns geweigert, freiwillig zurückzukehren“, erzählt Behrami. Im Juni 1998 landete die Familie am Flughafen von Prishtina, wenig später schlugen die Scharmützel zwischen albanischen Freischärlern und serbischen Soldaten in einen offenen Krieg um, den die Albaner mit Hilfe der Nato für sich entschieden.

„Die Nachkriegszeit war voller Enthusiasmus, aber meine Erwartungen waren überzogen und irrational“, erinnert sich Behrami. „Ich dachte, die Freiheit werde alle Schwierigkeiten lösen. Später erkannte ich, dass der Übergang zu einer Demokratie mühsamer sein kann als ein Krieg.“ Der ehemalige Asylbewerber ist immer noch gern in Deutschland, aber sein Land will er keinesfalls mehr verlassen. Artan Behrami ist heute Sprecher des kosovarischen Außenministeriums.

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