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Migration : Exodus aus der Hoffnungslosigkeit

Viele Roma sind hier am Arbeitsmarkt genauso chancenlos wie in ihrer Heimat – aber es ist eben besser, in Deutschland keine Chance zu haben als in Bulgarien. Dort haben es Roma, wie überall in Europa, selbst dann schwerer als andere, wenn sie eine gute Ausbildung haben. Es gibt zwar in Bulgarien keine staatlich betriebene Ausgrenzung von Roma, doch in der Privatwirtschaft stoßen viele auf unsichtbare Mauern.

Ein junger Rom, Student in Sofia, berichtet über seine Erfahrungen bei der Jobsuche: „Du musst Verbindungen haben und eine Menge Leute kennen, Bulgaren an hohen Stellen – Direktoren, Politiker (...).“ Sich ohne Kontakte auf reguläre Weise um eine Arbeitsstelle zu bewerben, habe keine Aussicht auf Erfolg. Eine junge Romni, in einer Konditorei angestellt, gab zwar an, als Schülerin nicht ausgegrenzt worden zu sein, „aber es ist anders, wenn du Arbeit suchst. Wenn sie jemanden sehen, der etwas dunkler ist, sagen sie (bei einem Bewerbungsgespräch): ,Gut, wir werden Sie anrufen‘, und das ist es dann“.

Doch zur Erklärung dafür, warum sich immer noch viele junge Bulgaren mit Auswanderungsgedanken tragen, reicht die Arbeitslosenstatistik nicht aus. Auch die Durchschnittslöhne spielen eine Rolle. Die größte Gruppe der beschäftigten jungen Bulgaren, gut ein Viertel, verdient zwischen 200 und 300 Euro im Monat, ein Drittel sogar nur zwischen 125 und 200 Euro. Nur etwa zwölf Prozent der Befragten gaben an, mehr als 400 Euro monatlich zu verdienen. Zwar sind solche Zahlen mit Vorsicht zu lesen, doch lässt sich sagen: Vor allem gut ausgebildete Bulgaren mit Fremdsprachenkenntnissen fragen sich, warum sie in ihrer Heimat für einige hundert Euro arbeiten sollen, wenn sie in den reichen Staaten Nordwesteuropas für sich und ihre Familie mehrere tausend Euro im Monat verdienen können.

Ausgeprägter „Bulgaroskeptizismus“

Das Misstrauen in die eigenen politischen Institutionen und die Attraktivität der Niederlassungsfreiheit sind die wichtigsten Gründe, aus denen „die bulgarische Jugend ihre pro-europäische Orientierung insgesamt behalten hat“, heißt es in der Studie zusammenfassend. Mit Euroskeptizismus lässt sich in Bulgarien tatsächlich keine Wahl gewinnen. Der ausgeprägte „Bulgaroskeptizismus“ vieler Einheimischer steht dem entgegen. Bulgarien, einst neben der DDR der loyalste Bruderstaat der Sowjetunion, und jetzt eines der zuverlässigsten EU-Mitglieder, hat mit nationalen Alleingängen im 20.Jahrhundert schlechte Erfahrungen gemacht. Nach nationalen Kapriolen steht den Bulgaren daher nicht der Sinn. Die Perspektive, ganz mit sich allein zu sein, ist eine Horrorvorstellung für sie.

Kaum hundert Kilometer weiter westlich auf dem Balkan, im Kosovo, ist der Weg zu einer EU-Mitgliedschaft noch unabsehbar weit, die Zustimmung zu einem Beitritt aber überwältigend: 94 Prozent der jungen Kosovo-Albaner wollen, dass ihr Staat Teil der EU wird. Noch größer ist nur die Ablehnung eines EU-Beitritts durch die jungen Serben im Kosovo: Gerade ein Prozent der Kosovo-Serben sieht die EU positiv. In dieser fast geschlossenen Ablehnung der EU, der Vereinigten Staaten und des Westens insgesamt, die bei den dörflich geprägten Kosovo-Serben viel höher ausgeprägt ist als in Serbien selbst, zeigen sich die Nachwirkungen der mehrmonatigen Bombardierung Jugoslawiens durch die Nato im Jahre 1999, als deren Folge der kosovarische Staat überhaupt erst entstanden ist.

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