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Migration : Exodus aus der Hoffnungslosigkeit

Inzwischen sind es weniger die Missstände Bulgariens als die attraktiven Angebote anderer Länder, die Auswanderungsgedanken Vorschub leisten. Doch dieser Trend kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass auch sieben Jahre nach dem EU-Beitritt Bulgariens noch immer mehr als die Hälfte der jungen Bulgaren den Wunsch äußert, dem eigenen Land den Rücken zu kehren. Warum ist das so? Außer wirtschaftlichen Gründen spielt das mangelnde Vertrauen in die eigene Demokratie eine große Rolle. Die meisten jungen Bulgaren bringen sowohl der Legislative als auch der Exekutive sowie der Justiz ihres Landes „ein völliges Misstrauen“, bestenfalls aber „sehr wenig Vertrauen“ entgegen.

„Bei einer Mehrheit der bulgarischen Jugendlichen besteht ein völliger Mangel an Vertrauen in zwei zentrale Institutionen: das Parlament und die Regierung“, lautet eine Schlussfolgerung der Studie, die in die beunruhigende Feststellung mündet, dass in der parlamentarischen Republik Bulgarien ausgerechnet das Parlament die Institution ist, der junge Leute am wenigsten vertrauen. Das größte Vertrauen genießt bezeichnenderweise eine Institution mit Sitz im Ausland: der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte, „der den bulgarischen Staat regelmäßig verurteilt“, wie die Autoren der Studie anmerken.

Doch es sind weiterhin auch wirtschaftliche Gründe, die junge Bulgaren in die Fremde treiben. Anders als Mitte der neunziger Jahre, als Bulgarien vor dem völligen Kollaps der staatlichen Ordnung stand, ist es heute nicht mehr die schiere Existenznot, die Bulgaren zur Auswanderung bewegt. Ein Job, der die Existenz auf niedrigem Niveau sichert, lässt sich heute vor allem in Sofia und den anderen größeren Städten relativ einfach finden. Die Jugendarbeitslosigkeit in Bulgarien lag laut Angaben der europäischen Statistikbehörde Eurostat 2013 bei knapp 22 Prozent – das ist verglichen mit Griechenland oder Spanien kein katastrophaler Wert. Ein genauerer Blick auf die ethnische Zugehörigkeit der arbeitslosen jungen Bulgaren lässt Schlüsse auf das Auswanderungsverhalten zu.

Viele Roma in Bulgarien am Arbeitsmarkt chancenlos

In Bulgarien leben laut Volkszählung von 2011 knapp 85 Prozent Bulgaren, fast neun Prozent Türken und fünf Prozent Roma, wobei deren tatsächlicher Anteil vermutlich höher ist, da sich viele Angehörige dieser Bevölkerungsgruppe in Umfragen und im Alltag lieber als Türken deklarieren, um bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu haben. Während weniger als zehn Prozent der jungen ethnischen Bulgaren arbeitslos sind und junge bulgarische Türken mit einer Arbeitslosenrate von zwölf Prozent ebenfalls recht gut dastehen, sind von den Roma des Landes mindestens 40 Prozent ohne feste Arbeit. Auch das ist eine Erklärung dafür, warum es neben ethnischen Bulgaren, die oft bereits mit einem festen Arbeitsvertrag nach Deutschland gehen und hierzulande vollkommen unauffällig zum Wirtschaftswachstum beitragen, auch viele bulgarische Roma in den größten EU-Staat zieht.

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