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Migration : Exodus aus der Hoffnungslosigkeit

„Ein großer Teil der Heranwachsenden (...) ist wenig tolerant und zeigt nur eine geringe Bereitschaft, sich politisch zu engagieren“, heißt es in der Auswertung der Befragungen. Die Jugend in Südosteuropa sei „nur bedingt in der Lage, soziale oder kulturelle Unterschiede zu akzeptieren“, lautet die butterweiche Schlussfolgerung, bevor etwas deutlicher festgestellt wird, die Untersuchungsergebnisse stellten „die verbreitete Vermutung in Frage, Heranwachsende seien progressiver und toleranter eingestellt als ihre Eltern und Großeltern.“ Tatsächlich seien für junge Menschen in Südosteuropa „Fragen der Ehre“ nämlich wichtiger „als die Werte der Toleranz und der Kooperation“.

Aufschlussreich ist die Frage danach, wen junge Menschen im Kosovo als Nachbarn zu akzeptieren bereit wären. Zöge nebenan eine Familie aus den Vereinigten Staaten oder aus Westeuropa ein, hätte die große Mehrheit der jungen Albaner im Kosovo kein Problem damit. Bei Roma sieht es schon anders aus, und ein schwules Pärchen möchte fast niemand in der Nachbarschaft haben. Die meisten jungen Serben im Kosovo haben zwar nichts gegen Zigeuner, aber neben Amerikanern oder gar Schwulen wollen sie keinesfalls leben müssen.

Diese Antworten sind auch deshalb bemerkenswert, weil sie auf eine wichtige Diskrepanz hinweisen: In Deutschland sind es außer der Wirtschaft, die auf billige und willige Arbeitskräfte hofft, vor allem Grüne, Linke und Teile der SPD, die einer Einwanderung aus politischen Gründen das Wort reden. Doch eine Mehrheit der jungen Zuwanderer vom Balkan lehnt die Werte, die im gutgrünbürgerlich-liberalen Milieu von Berlin-Mitte oder im Sahra-Wagenknecht-Paralleluniversum für multiethnisch-selbstverständlich gehalten werden, entschieden ab.

Besonders ergiebig ist ein Vergleich der Umfrageergebnisse in Bulgarien und dem Kosovo. Das Kosovo ist, von den Republiken der ehemaligen Sowjetunion abgesehen, der ärmste Staat Europas, Bulgarien das ärmste Mitgliedsland der EU. Hat die Aufnahme Bulgariens in die EU 2007 die Einstellung junger Menschen zur Auswanderung grundsätzlich geändert? Die Antwort lautet: Jein. Zwischen 1997 und 2002 gaben regelmäßig mehr als 85 Prozent der jungen Bulgaren an, sich mit dem Gedanken an Auswanderung zu tragen. Nur etwa 14 Prozent sagten, sie hätten dies keinesfalls vor.

Seit Bulgarien der EU angehört, hat sich viel verändert

Im Jahr 2014 lag der Anteil derer, die auf jeden Fall in Bulgarien bleiben wollen, dagegen schon bei 47 Prozent. Auch andere Umstände haben sich geändert, seit Bulgarien der EU angehört. Im Jahr 1997 gaben noch 46 Prozent der Auswanderungswilligen an, „Verbrechen und soziale Unsicherheit“ seien die Gründe dafür, das Land verlassen zu wollen. Fünf Jahre später waren es 34, im vergangenen Jahr noch 27 Prozent, die so antworteten.

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