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Frankreich nach Priestermord : Nur kurz im Entsetzen vereint

In ungewohnter Umgebung: Trauergäste während des Gottesdienstes für den von Islamisten enthaupteten Priester Jaques Hamel in der Kathedrale von Rouen Bild: dpa

Die katholische Kirche in Frankreich kränkelt. Darüber kann auch die gemeinsame Trauer nach dem Terroranschlag in der Normandie nicht hinwegtäuschen. Ihr fehlt vor allem eines.

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          Eine Woche nach dem islamistischen Terroranschlag auf die Kirche in Saint-Etienne-du-Rouvray haben Gläubige am Dienstag Abschied von dem ermordeten Priester Jacques Hamel genommen. In der Kathedrale von Rouen versammelten sich am Nachmittag rund 2000 Menschen zu einer Trauerfeier für den 85 Jahre alten katholischen Geistlichen. Viele weitere, die keinen Platz mehr in der Kathedrale fanden, wohnten der Übertragung vor Großbildschirmen am Eingang bei. Danach wurde Hamel im Familienkreis beigesetzt.

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          In der Kathedrale wandten sich seine Schwester und eine Nichte an die Trauergemeinde. Sie erinnerte daran, dass sich ihr Bruder während des Algerien-Kriegs entschieden habe, als einfacher Soldat zu dienen, obwohl ihm damals der Offiziersgrad angeboten worden sei, sagte die Schwester. Diesen habe er abgelehnt, da er keine Befehle zum Töten habe geben wollen. „Er war mein Bruder. Er war unser aller Bruder“, sagte Roselyne Hamel. Der Erzbischof von Rouen, Dominique Lebrun, verurteilte jegliche Gewalt. Es könne nicht sein, dass Morde nötig seien, um einander zu Gerechtigkeit und Liebe zu bekehren. Zu den Katholiken in Frankreich sagte er: „Wir sind verletzt, bestürzt, aber nicht geschlagen.“ Er begrüßte die „Worte und Gesten unserer muslimischen Freunde“, die zeigten, dass auch sie Gewalt ablehnten.

          Der Priesternachwuchs in Frankreich bleibt aus

          Die Attacke während der heiligen Messe hat ganz Frankreich erschüttert. Für kurze Zeit war die Nation im Entsetzen vereint. „Wir sind alle Katholiken Frankreichs“, sagte der Vorsitzende des Islamrats CFCM, Anouar Kbibech. Diese spontane Solidarisierung kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die „älteste Tochter der Kirche“ kränkelt. Die Bezeichnung der „ältesten Tochter“ geht auf das Jahr 754 zurück, als Papst Stephan II. eine Allianz mit den Franken schloss und Pippin den Kurzen zum König salbte. Noch heute wird jedes Jahr in einer römischen Kirche zur Erinnerung an dieses Ereignis am 31. Mai eine Messe für Frankreich gelesen.

          Doch Frankreich ist sich dieser Tradition kaum noch bewusst. Immer weniger Franzosen engagieren sich in der katholischen Kirche. Der Priesternachwuchs bleibt aus. In diesem Jahr werden nach Angaben der katholischen Bischofskonferenz nur 100 Priester geweiht, 2015 waren es noch 120, 2014 140. „Diese Krise ist die Folge anderer Krisen“, sagte Olivier Ribadeau Dumas, der Sprecher der französischen Bischofskonferenz. „Es gibt eine Krise der Berufungen in unserem Land, weil wir eine Krise des Glaubens, der Glaubensvermittlung, eine Sinnkrise und eine Krise der Familie erleben“, sagte Ribadeau Dumas.

          Zahl der Taufen kontinuierlich gesunken

          In wohl keinem anderen europäischen Land ist die Säkularisierung so weit vorangeschritten wie in Frankreich. Seit 1905 gilt das Gesetz über die Trennung von Kirche und Staat, das die Grundlage der französischen Laizität bildet. Die Schulgesetze, die das Kruzifix und den Religionsunterricht aus den Klassenzimmern verbannten, reichen in die Jahre 1879 bis 1882 zurück. Die katholische Kirche hat sich aus dem staatlichen Schulwesen mit Ausnahme der Schulseelsorge (aumôneries scolaires) an den weiterführenden Schulen gänzlich zurückgezogen. Im öffentlichen Leben und als politische Kraft spielt sie nur noch eine untergeordnete Rolle.

          Auch Muslime waren zu der Trauerfeier in Rouen gekommen.

          Den Rückgang des Katholizismus verdeutlicht auch die Statistik der französischen Bischofskonferenz zur Zahl der Taufen. Wurden 1990 noch 472.130 Kinder und Erwachsene getauft, ist die Zahl kontinuierlich gesunken. Im Jahr 2000 gab es 400.327 Täuflinge, 2010 nur noch wenig mehr als 300.000. Die letzte verfügbare Zahl geht ins Jahr 2012 zurück und markiert einen neuen Tiefstand mit nur 290.282 katholischen Taufen.

          Rückgang der Kirchengänger

          Die Zahl der Firmungen, bei denen Jugendliche ihren Glauben bekräftigen, hat sich seit 1990 halbiert. Damals wurden noch 91.281 Heranwachsende gefirmt, 2012 waren es nur noch 44.011. Auch die kirchlichen Trauungen sind vom Niedergang betroffen. Hier hat sich die Zahl zwischen 1990 und 2012 halbiert, von 147.146 auf 70 369 katholische Eheschließungen. Diese Zahlen stehen im Gegensatz zu der dynamischen demographischen Entwicklung in Frankreich. So blieb die Zahl der Geburten, aber auch die der zivilen Eheschließungen in dem Zeitraum konstant.

          In Frankreich organisiert der Staat nicht den Einzug einer Kirchensteuer. Eine Ausnahme bilden lediglich die drei Départements Bas-Rhin, Haut-Rhin und Moselle, in denen das Konkordat aus der Zeit Elsass-Lothringens weiter gilt. Deshalb kann in Frankreich die Zugehörigkeit zur katholischen Kirche anders als in Deutschland nicht über staatliche Behörden ermittelt werden.

          Das Umfrageinstitut Ifop erkundet aber in regelmäßigen Abständen das religiöse Zugehörigkeitsgefühl der Franzosen. 1952 gaben 81 Prozent der Franzosen an, sich zur katholischen Kirche zugehörig zu fühlen, 2010 waren es noch 64 Prozent. 27 Prozent der katholischen Befragten sagten 1952, dass sie regelmäßig zur Messe gehen. 2010 waren es noch 4,5 Prozent der Katholiken, die sich als regelmäßige Kirchgänger bezeichneten. Das Umfrageinstitut hat darüber hinaus herausgefunden, dass die meisten der praktizierenden Katholiken über 65 Jahre alt sind. Der Anteil der Rentner beträgt laut Ifop 46 Prozent. Der Priestermangel macht sich allenthalben bemerkbar. Von 32.267 im Jahr 1992 ist die Zahl der Pfarrer in Frankreich 2012 auf 16.830 gefallen.

          Hohes Bildungsideal durch katholische Familienstrukturen?

          Dennoch bleibt der Katholizismus eine strukturierende Kraft. Das haben die Demographen Hervé Le Bras und Emmanuel Todd in ihrem Buch „Le mystère français“ herausgestellt. Die beiden stark von antiklerikalem Gedankengut geprägten Autoren wollten eigentlich beweisen, wie weit die Entchristianisierung seit der Französischen Revolution vorangeschritten ist. Doch zu ihrer eigenen Überraschung stellten sie fest, dass es trotz der allgemeinen Säkularisierung noch immer starke regionale Unterschiede gibt: „Das französische Mysterium.“

          Der getötete Priester Jacques Hamel wurde im Anschluss an die Trauerfeier im engen Kreis seiner Familie beerdigt.

          In der Bretagne und der Region um Nantes, in den baskischen Pyrenäen, im Elsass, im Süden des Zentralmassivs, in der Franche-Comté und in Savoyen führe das Fortbestehen der katholischen Familienstrukturen zu einer besseren Anpassung an die Wirtschaftskrise und zu einem hohen Bildungsideal, das sich in besseren Berufsqualifikationen niederschlage. „Die Werte des Katholizismus sind noch immer aktiv in den Gegenden, die zuvor von ihm besetzt waren. Ein Paradox ist es, dass die soziale Kraft der Religion erstarkt ist, obwohl sie sich als metaphysischer Glauben verflüchtigt hat“, schreiben die Autoren. „Der Katholizismus hat sein Ziel eines Lebens nach dem Tod erreicht. Da es sich um ein weltliches Leben handelt, sprechen wir von einem Zombie-Katholizismus“, heißt es in dem viel diskutierten Buch.

          Der frühere Bischof von Angoulême Claude Dagens plädiert inzwischen für eine Rückkehr zum strikt Religiösen, um in einer säkularisierten Umgebung wie der französischen zu bestehen. Dagens, der als Unsterblicher der Académie française angehört, fasste seine Vorstellungen in dem Buch „Proposer la foi dans la société actuelle“ („Den Glauben in der heutigen Gesellschaft anbieten“) zusammen. Der katholische Vordenker nahm damit frühzeitig Abschied von der Idee, dass der Katholizismus als politische Kraft wiedererwachen könnte. Diese Hoffnung war im Kampf gegen die Anerkennung der Homoehe entstanden, als sich Millionen Franzosen der Bewegung „manif’ pour tous“ anschlossen. Doch seit Verabschiedung des Gesetzes hat sich die Bewegung weitgehend aufgelöst.

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