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Frankreich nach Priestermord : Nur kurz im Entsetzen vereint

Rückgang der Kirchengänger

Die Zahl der Firmungen, bei denen Jugendliche ihren Glauben bekräftigen, hat sich seit 1990 halbiert. Damals wurden noch 91.281 Heranwachsende gefirmt, 2012 waren es nur noch 44.011. Auch die kirchlichen Trauungen sind vom Niedergang betroffen. Hier hat sich die Zahl zwischen 1990 und 2012 halbiert, von 147.146 auf 70 369 katholische Eheschließungen. Diese Zahlen stehen im Gegensatz zu der dynamischen demographischen Entwicklung in Frankreich. So blieb die Zahl der Geburten, aber auch die der zivilen Eheschließungen in dem Zeitraum konstant.

In Frankreich organisiert der Staat nicht den Einzug einer Kirchensteuer. Eine Ausnahme bilden lediglich die drei Départements Bas-Rhin, Haut-Rhin und Moselle, in denen das Konkordat aus der Zeit Elsass-Lothringens weiter gilt. Deshalb kann in Frankreich die Zugehörigkeit zur katholischen Kirche anders als in Deutschland nicht über staatliche Behörden ermittelt werden.

Das Umfrageinstitut Ifop erkundet aber in regelmäßigen Abständen das religiöse Zugehörigkeitsgefühl der Franzosen. 1952 gaben 81 Prozent der Franzosen an, sich zur katholischen Kirche zugehörig zu fühlen, 2010 waren es noch 64 Prozent. 27 Prozent der katholischen Befragten sagten 1952, dass sie regelmäßig zur Messe gehen. 2010 waren es noch 4,5 Prozent der Katholiken, die sich als regelmäßige Kirchgänger bezeichneten. Das Umfrageinstitut hat darüber hinaus herausgefunden, dass die meisten der praktizierenden Katholiken über 65 Jahre alt sind. Der Anteil der Rentner beträgt laut Ifop 46 Prozent. Der Priestermangel macht sich allenthalben bemerkbar. Von 32.267 im Jahr 1992 ist die Zahl der Pfarrer in Frankreich 2012 auf 16.830 gefallen.

Hohes Bildungsideal durch katholische Familienstrukturen?

Dennoch bleibt der Katholizismus eine strukturierende Kraft. Das haben die Demographen Hervé Le Bras und Emmanuel Todd in ihrem Buch „Le mystère français“ herausgestellt. Die beiden stark von antiklerikalem Gedankengut geprägten Autoren wollten eigentlich beweisen, wie weit die Entchristianisierung seit der Französischen Revolution vorangeschritten ist. Doch zu ihrer eigenen Überraschung stellten sie fest, dass es trotz der allgemeinen Säkularisierung noch immer starke regionale Unterschiede gibt: „Das französische Mysterium.“

Der getötete Priester Jacques Hamel wurde im Anschluss an die Trauerfeier im engen Kreis seiner Familie beerdigt.

In der Bretagne und der Region um Nantes, in den baskischen Pyrenäen, im Elsass, im Süden des Zentralmassivs, in der Franche-Comté und in Savoyen führe das Fortbestehen der katholischen Familienstrukturen zu einer besseren Anpassung an die Wirtschaftskrise und zu einem hohen Bildungsideal, das sich in besseren Berufsqualifikationen niederschlage. „Die Werte des Katholizismus sind noch immer aktiv in den Gegenden, die zuvor von ihm besetzt waren. Ein Paradox ist es, dass die soziale Kraft der Religion erstarkt ist, obwohl sie sich als metaphysischer Glauben verflüchtigt hat“, schreiben die Autoren. „Der Katholizismus hat sein Ziel eines Lebens nach dem Tod erreicht. Da es sich um ein weltliches Leben handelt, sprechen wir von einem Zombie-Katholizismus“, heißt es in dem viel diskutierten Buch.

Der frühere Bischof von Angoulême Claude Dagens plädiert inzwischen für eine Rückkehr zum strikt Religiösen, um in einer säkularisierten Umgebung wie der französischen zu bestehen. Dagens, der als Unsterblicher der Académie française angehört, fasste seine Vorstellungen in dem Buch „Proposer la foi dans la société actuelle“ („Den Glauben in der heutigen Gesellschaft anbieten“) zusammen. Der katholische Vordenker nahm damit frühzeitig Abschied von der Idee, dass der Katholizismus als politische Kraft wiedererwachen könnte. Diese Hoffnung war im Kampf gegen die Anerkennung der Homoehe entstanden, als sich Millionen Franzosen der Bewegung „manif’ pour tous“ anschlossen. Doch seit Verabschiedung des Gesetzes hat sich die Bewegung weitgehend aufgelöst.

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