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Rebellenhochburg Donezk : Der schreckliche Kampf um nichts und alles

Schwarzer Rauch steigt vom umkämpften Flughafen Donezk auf (Archivbild vom 2. Oktober) Bild: dpa

Mit den für Sonntag angesetzten Wahlen in den ostukrainischen Separatistengebieten wollen die Rebellen ihre Unabhängigkeit demonstrieren. Während jeden Tag Menschen getötet werden - trotz Waffenruhe.

          Den Flughafen findet man mit geschlossenen Augen. Immer dem Krachen nach, nordwestlich hinaus aus der ukrainischen Grubenmetropole Donezk, wo von Russland gestützte Kämpfer im Frühjahr eine auf Moskauer Mythen und Moskauer Waffen gebaute „Volksrepublik“ errichtet haben.

          Konrad Schuller

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Wer dem Donner ein paar Kilometer weit durch die zerschossenen Vorstädte gefolgt ist, hat zuletzt diese Ruine vor sich. Ein Gewirr metallener Trümmer, verbogener Träger, zerschossener Fahrzeuge: der internationale Flughafen „Sergej Prokofjew“. Gebaut in verschwenderischer Pracht aus Glas und Stahl für die Fußball-Europameisterschaft 2012, viel zu groß selbst für die Millionenstadt Donezk, war er einmal das stärkste Symbol für die Clanherrschaft des gestürzten Präsidenten Viktor Janukowitsch. Hier sah man, was es heißt, wenn Oligarchen Staatskassen plündern – wenn es nicht darauf ankommt, was etwas kostet, sofern das Geld nur in die richtigen Kanälen sickert.

          Heute ist der Donezker Flughafen der Brennpunkt des Krieges im Donbass. Der Waffenstillstand vom 5. September, das sogenannte „Minsker Protokoll“, hat zwar in großen Teilen des Donbass die Kämpfe stark vermindert. Hier aber, am Flughafen haben die Waffen nie auch nur für ein paar Tage geruht. Tag für Tag melden die Bulletins der ukrainischen Regierung Tote und Verletzte.

          „Symbol ukrainischen Heldenmuts“

          So wie der Flughafen für das tägliche Scheitern der Waffenruhe steht, so steht er auch für die Sinnlosigkeit dieses fortdauernden Sterbens. Beide Seiten, ukrainische Regierungsvertreter ebenso wie separatistische Kämpfer, sind sich nämlich bei allen sonstigen Gegensätzen in einem Punkt einig: In diesem Kampf, der das Zentrum aller anderen Kämpfe im Donbass ist, geht es nicht um taktische Vorteile oder strategische Kalküle. Es geht um Ehre, um Schmerz, um die große Erzählung. Ein Zyniker könnte sagen: Es geht um nichts.

          Eigentlich hätten die Waffen längst schweigen sollen. Die ukrainischen Truppen dürften im Zusammenhang mit der Minsker Waffenruhe und den nachfolgenden Regelungen über eine Pufferzone längst nicht mehr hier sein. Zwei ukrainische Regierungsvertreter bestätigen, dass der Flughafen in der Zone liegt, aus welcher beide Seiten ihr schweres Gerät entfernen sollten. „Das kann man so interpretieren, dass die ukrainischen Truppen sich von dort zurückziehen müssen“, sagt einer. Der andere wird noch deutlicher: „Zum Minsker Abkommen gehörte, dass der Flughafen an die Donezker ,Republik‘ fallen sollte“. Ein wichtiges Zusatzdetail kommt aus einer dritten Quelle: Präsident Petro Poroschenko persönlich habe Bundeskanzlerin Merkel über diese Regelung informiert. Dabei sei auch ein Gebietsaustausch vorgesehen gewesen. Der Sprecher der Bundesregierung, Steffen Seibert, teilte dazu mit, die Bundesregierung äußere sich nicht über vertrauliche Gespräche; vom ukrainischen Präsidialamt gab es auf Anfrage keinen offiziellen Kommentar.

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