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Rebellenhochburg Donezk : Der schreckliche Kampf um nichts und alles

Im Hintergrund der Flughafen von Donezk: Eigentlich müsste hier Frieden herrschen

Um diese Erinnerungen, um diese Legenden von Kampf und Opfer, geht es hier. Auf beiden Seiten. „Militärisch würde der Flughafen nichts ändern“, hat ein Bataillonskommandeur der Separatisten kürzlich intern gesagt. Und dann hat auch er dieses Wort benutzt, das hier alle umtreibt und das keinen Widerspruch erlaubt – nicht um Vorteile gehe es hier, sondern um dieses eine ganz allein: um das „Symbol“, das diese Ruine ist. Legenden, Propaganda, Heldentum, das ist das eine. Der andere Faktor ist, was ein Kenner der Lage in der Kiewer Regierung kürzlich selbstkritisch das „Gefangenendilemma“ beider Seiten genannt hat: Abgrundtiefes Misstrauen macht ihnen jede Zusammenarbeit unmöglich – zum Schaden aller. Der Krieg gebiert sich damit aus seiner eigenen destruktiven Logik immer von neuem. Der gescheiterte Friede am Flughafen scheitert jeden Tag neu – es ist wie in der Artussage, wo am schrecklichen Ende ein einziges, zur falschen Zeit gezücktes Schwert ein ganzes Königreich in den Abgrund stürzt.

Am Internationalen Flughafen von Donezk geht deshalb die Höllenfahrt weiter. Die Wohngebiete der Umgebung sind verwüstet. Die Kämpfer beider Seiten setzen sich manchmal gleichzeitig im Terminalgebäude fest, dann geht der Kampf von Stockwerk zu Stockwerk. Der Sprecher der „Antiterroristischen Aktion“, wie die Ukraine ihren Krieg gegen die Separatisten nennt, Oberst Andrij Lisenko, sagte der F.A.S., manche Gebäude, etwa die völlig zerstörte Ruine des Flughafenhotels, seien ungezählte Male erobert und zurückerobert worden. Seit dem Beginn der „Waffenruhe“ am 5. September seien vermutlich schon mehrere hundert Männer gestorben – die genaue Zahl sei unbekannt, weil die Verluste der „Terroristen“ nur geschätzt werden könnten.

Im Austausch gegen den Flughafen wären die Russen abgezogen

Dieses Rollfeld tötet, und es tötet noch Hunderte von Kilometern weiter. Mehrere andere Brennpunkte dieses unerklärten Krieges, Orte, an denen die Waffenruhe immer wieder gebrochen wird, wären möglicherweise friedliche Städtchen und Weiler, gäbe es nicht das Drama am Rand von Donezk. Um den Eisenbahnknoten Debalzewe zum Beispiel, eine Autostunde östlich der Stadt, wird seit Wochen vor allem deshalb gekämpft, weil dort der russische Nachschub für die separatistischen Kämpfer am Flughafen durchmuss. Die Ukrainische Armee hält da unter ständigen Gefechten einen Vorposten, und Oberst Lysenko sagt, durch die Kontrolle über den Knoten sei es gelungen, die Versorgung für die Kämpfer auf 15 Prozent ihres früheren Volumens zu drosseln.

Auch die ständig neuen Gewalteruptionen an der südlichen Front, zwischen der Industriestadt Mariupol am Asowschen Meer und dem von russischen Kämpfern eroberten Nowoasowsk, haben eine Verbindungslinie zum Flughafen. Wie es heißt, hätte die russische Seite sich im Austausch gegen den Flughafen aus diesem erst im August von Russland besetzten Gebiet zurückziehen sollen, wenn am Flughafen die Waffenruhe gehalten hätte und die Ukrainer abgezogen wären.

Es ist nicht so gekommen. Auch in der vergangenen Woche gab es wieder Tote am Flughafen. In den Wohnvierteln der Umgebung schlugen die Granaten ein, jede Seite beschuldigte die andere, sie abgefeuert zu haben. Auf der Stabskarte der „Antiterroristischen Operation“, die täglich neu veröffentlicht wird, zeigten sich dort, wo das Rollfeld verläuft, links oben neben der Stadt Donezk, kleine zackige Explosionssymbole in Rot und Gelb. Im Nordwesten nichts Neues.

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