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Hofer gegen Van der Bellen : „Sie lügen!“ – „Nein, Sie lügen!“

Die Kandidaten: Alexander Van der Bellen und Norbert Hofer Bild: Reuters

Das Fernsehduell vor der Präsidentenwahl in Österreich beginnt mit einer wilden verbalen Keilerei. Der Kandidat der rechten Partei FPÖ kommt mit der aggressiven Tonlage am besten zurecht.

          Der Wahlkampf in Österreich dauert bald so lange wie der in Amerika. Sollte das ein Vorbild sein, dann haben sich die beiden Bewerber zum Abschluss auch in der Tonlage etwas in diese Richtung bewegt. Zum dritten Mal in diesem vierten Anlauf zu einer Entscheidung über den künftigen österreichischen Bundespräsidenten sind sich die beiden Stichwahl-Kandidaten Alexander Van der Bellen und Norbert Hofer am Donnerstagabend im ORF begegnet. Und während die vormaligen „Duelle“ dieser Runde, eines auf einem Internetformat und eines im Privatfernsehen, eher die Müdigkeit einer langen Kampagne geatmet haben, gab es am Anfang dieser Debatte erstmal eine wilde verbale Keilerei.

          Stephan Löwenstein

          Politischer Korrespondent für Österreich und Ungarn mit Sitz in Wien.

          Um das Amt, das beide anstreben, der Grüne Van der Bellen und Hofer, der Mann von der rechten Partei FPÖ, ging es dabei zunächst praktisch gar nicht. Sondern um die Art und Weise, wie sich die beiden Lager, in die diese Stichwahl das Land inzwischen gespalten hat, dabei verhalten. Van der Bellen hielt ein Schautäfelchen in die Kamera, das ein Foto seines vor langer Zeit verstorbenen Vaters zeigte. Eine Mitstreiterin Hofers hatte kürzlich, gestützt auf allgemeine Mutmaßungen, dem Vater Van der Bellen eine Nähe zu Nazis unterstellt.

          Sieger in der Disziplin des aggressiven Dreinredens

          Hofer machte keine Anstalten, sich davon zu distanzieren, sondern reklamierte, Van der Bellen habe damit „ein schweres Foul“ begangen. Und begann seinerseits aus zurechtgelegten Zetteln Hasspostings gegen sich vorzulesen, in denen ihm der Tod gewünscht werde oder er wegen seiner Gehbehinderung verunglimpft werde. Diese Anwürfe allerdings kamen von ungenannten Personen. Einen jedoch nannte Hofer namentlich: den einflussreichen Grünen-Abgeordneten David Ellensohn. Der hatte gezwitschert, wenn er Nazi wäre, würde er Hofer und Strache wählen. Worauf Van der Bellen sich wieder Gehör zu verschaffen suchte mit dem Hinweis, er sei ebenso vielen gemeinen Hasspostings ausgesetzt. Es zeigte sich aber doch, dass in dieser Disziplin des aggressiven Dreinredens Hofer besser abschneidet als Van der Bellen.

          In diesem Stil ging es dann weiter, bis hin zum gegenseitigen Vorwurf: „Sie lügen!“ – „Nein, Sie lügen!“ Mal verwickelte Hofer seinen Gegner in Widersprüche zwischen dem, was er jetzt sagt, und dem, was er in seinem langen politischen Leben früher gesagt hat. Van der Bellen fiel dazu nur der schwächliche Einwand ein: „Politische Archäologie ist Ihre Stärke, Herr Hofer.“ Oder noch schwächer die Angabe, er sei nicht mehr Parteimitglied der Grünen.

          Dafür kam Hofer beim Thema Europa ziemlich in die Defensive. Da hielt Van der Bellen ihm und der FPÖ vor, wie sie sich kontinuierlich mit EU-Kritik profiliert haben und mit einem Volksbegehren über einen EU-Austritt gespielt haben. Da hat sich Hofer für seinen Wahlkampf die Formulierung zurechtgelegt, er sei für ein solches Referendum dann, wenn die Türkei beiträte oder wenn die EU weiter zentralisiert werde. Versuche Van der Bellens, ihn zu einer Konkretisierung dieses schwammigen Kriteriums zu bringen, waren natürlich nicht erfolgreich. Hofer wehrte das Thema mit Zwischenrufen und Lügenbezichtigungen zwar erfolgreich ab, aber doch um den Preis eines guten Eindrucks.

          Die Moderatorin vergisst die Spielregeln

          Ein bisschen erinnerte das Ganze an das „Duell“ vor der Stichwahl im Mai, die später wegen Formfehlern bei der Auszählung annulliert wurde. Da hatte der Sender ATV das Experiment versucht, Hofer und Van der Bellen ohne Moderater ins Zwiegespräch vor laufender Kamera zu schicken. Der unmoderierte Versuch endete in unmoderatem Gekeife und wurde nicht mehr wiederholt. Der ORF hat jetzt die aus vielen Sonntagabendrunden bekannte Ingrid Thurnher aufgeboten. Sie hatte sich zur Disziplinierung der Kontrahenten gleich zwei Uhren zur Hilfe genommen: Eine, die die gesamte Redezeit für jeden Kandidaten maß und eine, die als Eieruhr anderthalb Minuten herunterlaufen ließ, wenn die beiden jeweils zu bestimmten Themen ohne Unterbrechung zu Wort kommen sollten. Leider vergaß Thurnher bei Hofer mehrmals ihre eigenen Spielregeln und redete dazwischen.

          Immerhin geriet das Ganze nicht ganz so aus dem Ruder wie ihre vorige Sonntagabendsendung, in welcher sich die Büchsenspanner der beiden Staatsmänner in Spe bis beinahe an die Grenze einer Saalschlacht in Rage redeten. So manche Frage und vor allem ein eingespieltes Filmchen erweckten außerdem den Eindruck, der ORF hätte am liebsten Heinz Fischer zurück, den bisherigen Bundespräsidenten. Der ist aber nach zwölf Jahren im Amt nicht mehr zu haben, und aus ihm nun die Ikone eines idealen Amtsinhabers zu machen, ist denn doch etwas übertrieben. Außerdem führt es zu nichts. 

          Es bleibt die Frage, warum sich Van der Bellen und Hofer auf eine so aggressive Tonlage einließen. Man würde sie von einem erwarten, der sich deutlich im Rückstand wähnt und glaubt, nichts mehr zu verlieren zu haben. Aber das kann ja kaum bei beiden gleichzeitig der Fall sein.

          Alles in allem überwiegt beim Betrachter der Eindruck, Hofer habe im aggressiven Fach besser abgeschnitten, als der bei aller Angriffswilligkeit doch immer bedächtig bis betulich auftretende Van der Bellen. Aber ob das Hofer am Ende nützt? Der Punktsieg könnte auch das Unbehagen an einem FPÖ-Mann fürs höchste Staatsamt wecken, das er so lange durch freundliches Weglächeln zerstreuen wollte – und dadurch die Gegenseite mobilisieren.

          Im Studio vor der Sendung mit Moderatorin Ingrid Thurnher

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