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Wahl in der Ukraine : Die Verlierer der Revolution

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Stimmabgabe in Kiew: In der ukrainischen Hauptstadt wollen viele Bürger den früheren Schwergewichts-Boxer Vitali Klitschko als neuen Bürgermeister sehen. Bild: dpa

In Kiew ist der Andrang der Ukrainer an den Wahllokalen groß, aber auf dem Majdan sitzen die Enttäuschten der Revolution zwischen rostigen Barrikaden.

          In der kleinen Schulturnhalle mit dem ausgetretenen Holzboden, die sich an diesem Sonntag das Wahllokal 800231 im Kiewer Stadtteil Trojeschina verwandelt hat, kann man die vier transparenten Urnen vor lauter Menschen kaum sehen. Schwitzende Mütter mit Kleinkindern auf dem Arm, alte Leute und junge Kerle stehen in langen Schlangen vor den Tischen, an denen vier lange Wahlzettel ausgeteilt werden.

          Poroschenko ist in der Hauptstadt Favorit

          In Kiew wird nicht nur der Präsident gewählt an diesem Tag, auch über den Bürgermeister und den Stadtrat wird abgestimmt. Deshalb müssen sich die Leute in mehrere Listen eintragen. Und das brauche nun einmal seine Zeit, sagt die Wahlleiterin Tatjana Wjatscheslawowna, eine freundlich-resolute Dame Mitte Fünfzig. In der Turnhalle, über die sie wacht, sollen 2105 Wähler abstimmen. Allein in diesem Moment am späten Vormittag sind bestimmt 50 Menschen da und warten auf ihre Zettel.

          Marina Iwanowna, eine Rentnerin mit grauem Dutt, hat es nach einer guten halben Stunde geschafft. Sie schiebt ihren Ehemann mit sanftem Druck zur Ausgangstür und schimpft dabei. So viele Leute wie bei diesen Wahlen sie in den 30 Jahren nicht gesehen, die sie nun schon in Trojeschina lebt. Und die Helfer reichten gar nicht aus. Deshalb müsse man so lange warten.

          Draußen an der frischen Luft zwischen den Plattenbauten der Vorstadtsiedlung verrät Maria Iwanowna, für wen sie gestimmt hat. „Poroschenko, natürlich.“ Das sei der stärkste Mann, der, den sie jetzt brauchen. Für den Oligarchen und Schokoladenfabrikanten stimmen viele an diesem Tag in Trojeschino. Und für Vitali Klitschko, der sich als Bürgermeister der Hauptstadt Kiew beworben hat. Viele hoffen darauf, dass Klitschko es schafft, die Siedlung, die zu den ärmsten Regionen der Hauptstadt zählt endlich an den Bahnverkehr anzuschließen. Die Hoffnung auf eine eigene Metrostation haben die Leute schon aufgegeben. Aber wenn es wenigstens eine Trambahn gäbe und endlich Ordnung im Land, dann wäre Marina Iwanowna schon zufrieden.

          Auf dem Majdan sitzen unterdessen auch an diesem Wahlsonntag die ehemaligen Unabhängigkeitskämpfer trotzig vor ihren Zelten. Das Protestlager soll eigentlich spätestens nach den Präsidentenwahlen verschwinden. Der Majdan habe seine Aufgabe erfüllt, nun sei es Zeit, zur Normalität zurückzukehren, hatten viele der Kandidaten betont.

          Trotzige Stimmung auf dem Majdan

          Doch die kleine Rebellenstadt in Kiew hat sich seit Wochen kaum mehr verändert. Sicherlich wurden einige Barrikaden beiseite geräumt; die Schmutzberge der grauen Säcke, die im Winter mit Schnee gefüllt vor den Sicherheitskräften des alten Regimes schützen sollten, sind verschwunden. Und auf dem Kreschatik-Boulevard, der Haupteinkaufsstraße im Zentrum von Kiew, rollen nun wieder auf einer Spur langsam die Autos an den Caféterrassen vorbei.

          Doch die jungen und mittelaltrigen Männer, die noch immer in den grünen Militärzelten und den Holzverschlägen hausen um den Unabhängigkeitsplatz herum hausen, denken gar nicht daran, ihre Stellung zu räumen. Am Ende des Kreschatik, kurz vor dem Europäischen Platz, sitzt Roman, ein vielleicht 40 Jahre alter Mann aus der Region Lemberg auf einer herbeigeschleppten Parkbank unter einem Sonnenschirm.

          Er hütet das „Museum des Majdan“, ein Sammelsurium rostiger Protestrelikte. Kleine Holzöfen, Tonnen und sperrige Latten, die einmal zu Schutzwällen gehörten, stehen auf dem Pflaster herum. Auf einer kleinen Stellwand haben Roman und seine Freund ein von Kugeln durchlöchertes Metallschild angebracht. Es gehörte einem der getöteten Kämpfer. Auch die zerfetzte Jacke mit den großen Brandlöchern, die daneben hängt, sieht so aus, als wäre ihr Träger nicht mehr am Leben.

          Die Barrikadenkämpfer unterstützen keinen Kandidaten

          „Wir wollen die Erinnerung bewahren an die Helden“, erklärt Roman. Denn die Politik habe sie wieder einmal verraten. Nein, die Wahlen machten ihn keineswegs glücklich und er habe auch nicht das Gefühl, dass der Majdan hiermit sein Ziel erreicht habe. An der Hütte neben ihm hängt ein Schild. „Ist die Korruption an der Macht, dann geh auf die Straße“, steht darauf. „Die Mehrheit der Majdantsy (der Kämpfer des Majdan) unterstützt keinen einzigen von diesen Kandidaten“, sagt Roman. Die alten Machthaber würden gegen neue ausgetauscht und es bleibe doch alles beim Alten. „Dieser Poroschenko hat auf der Bühne hier viel geredet, wie alle anderen auch. Aber was bleibt jetzt von diesen Worten?“

          Zu ihnen jedenfalls sei nach dem Ende der Massenproteste keiner mehr gekommen. Und den Mord an mehr als 100 Menschen, der auf diesem Platz geschehen sei, wolle jetzt niemand mehr ernsthaft aufklären. „Keiner von diesen Scharfschützen wird zur Verantwortung gezogen. Stattdessen vertuschen die nun, was passiert ist.“ Die Männer in fleckiger Militärkleidung, die sich um den zivil mit einem T-Shirt bekleideten Roman herum gescharrt haben, nicken zustimmend. Von ihnen geht an diesem Tag keiner zur Wahl. Auf Nachfrage räumen sie allerdings drucksend ein, dass sie auch gar nicht wählen könnten. Sie seien ja nirgendwo registriert. 

          Ein Wahllokal in der Donbass-Region

          Den Majdan räumen? Auf keinen Fall! Der Politiker, der das von ihnen verlange, werde es ungemütlich haben, sagen die Männer vom Majdan. Sie seien bestimmt mehrere Tausend, wenn man alle aus den umliegenden besetzten Gebäuden zusammenzählt. Zumindest könnten sie mit einem Anruf Tausende mobilisieren, sagt Roman. Solange sie nicht sicher sein könnten, wie es mit der Ukraine weitergehe, würden sie jedenfalls nicht weichen. Und es könne ja immer noch jeden Tag einen russischen Angriff geben.

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