https://www.faz.net/-gq5-8nlc1

Vorwahlen in Frankreich : Der Albtraum des Front National

François Fillons hat die erste Runde der Vorwahlen bei den französischen Konservativen gewonnen. Bild: dpa

Francois Fillon Erfolg könnte für die französische Präsidentenwahl im nächsten Jahr ein gutes Zeichen sein. Denn sollte er antreten, muss Marine Le Pen zittern.

          2 Min.

          Die Franzosen haben gezeigt, dass sie ein eigenwilliges Wählervolk bleiben. Vier Millionen Bürger bäumten sich am Sonntag gegen die Alternative auf, in die Präsidentenwahlen im nächsten Frühjahr  einen „Comeback“-Präsidenten oder „den Besten“ der Ära Chirac zu entsenden. Der 61 Jahre alte Nicolas Sarkozy wurde von den Wählern in den politischen Ruhestand geschickt, der 71 Jahre alte Alain Juppé vom Sockel des von den Umfrageinstituten und politischen Kommentatoren ausgemachten Siegers gestoßen. Die ersten offenen Vorwahlen der bürgerlichen Rechten haben eine Dynamik zugunsten François Fillons entfaltet, von der sogar der Betroffene überrascht wurde. Mit 44,2 Prozent der Stimmen erhielt der frühere Regierungschef (2007-2012) doppelt so viel Stimmen wie sein ehemaliger Vorgesetzter Nicolas Sarkozy (20,6 Prozent).

          Michaela Wiegel
          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Die Revanche des „Mitarbeiters“ – so hatte Sarkozy einmal seinen Premierminister abgekanzelt – musste der ehemalige Präsident indessen in der Stunde des Sieges nicht fürchten. der 62 Jahre alte Fillon blieb trotz seines Triumphs so gelassen und gefasst wie immer und fand sogar freundliche Worte für Sarkozy. Im Vorwahlkampf hatte Fillon den Konkurrenten nicht immer mit Samthandschuhen angefasst. Er war es, der in Anspielung auf die Korruptionsskandale um Sarkozy sinnierte: „Hätte man sich vorstellen können, dass gegen Charles de Gaulle ein Strafverfahren läuft?“.

          Aber auch für den ewigen Favoriten Alain Juppé bedeutet das Vorwahlergebnis eine kalte Dusche. Denn eigentlich hätte die hohe Wahlbeteiligung – mehr als vier Millionen Bürger gingen zu den Urnen und nahmen lange Wartezeiten vor den Wahlbüros in Kauf – ihm zugutekommen sollen. Das zumindest hatten die Umfrageinstitute vorhergesagt, die nun in der Kritik stehen. Juppé zieht mit 28,6 Prozent der Stimmen als Herausforderer in den zweiten Wahlgang am nächsten Sonntag. Rein mathematisch hat er so gut wie verloren: Sarkozy gab eine Wahlempfehlung für Fillon ab.

          Porträt : François Fillon: Der konservative Anti-Populist

          Doch in den Vorwahlen geht es nicht um Mathematik. Die Wähler haben gezeigt, wie sehr es ihnen widerstrebt, den Vorhersagen von Umfragen und Kommentatoren zu gehorchen. Für die Präsidentenwahlen im nächsten April und Mai setzt der Wahlerfolg Fillons ein gutes Vorzeichen. Denn Fillon hat seine Landsleute mit einem resoluten wirtschaftlichen Reformprogramm für sich gewonnen. Seinen Wunsch, Frankreich wieder aufzurichten, verbindet er mit einem wertkonservativen Gesellschaftsprojekt und außenpolitischem Gaullismus. Fillon ist kein Hurra-Europäer (er stimmte gegen den Vertrag von Maastricht) und wirbt für ein besseres Verhältnis zum russischen Präsidenten Putin. Er verteidigt die Anliegen der katholischen Wählerschaft und will das Gesetz über die Homo-Ehe revidieren und die Freigabe der Adoptionen zurücknehmen.

          Zugleich träumt er wie sein politischer Ziehvater Philippe Séguin von der Grandeur Frankreichs. Diese Mischung ist der Albtraum des Front National. Mit Fillon droht Marine Le Pen einen Gegner zu bekommen, der nicht vorrangig das urbane Bürgertum anspricht, sondern auch viele Franzosen „vom Land“. Es könnte gut sein, dass dieser Wahlsonntag die Aussichten der Rechtspopulistin verdunkelt, im nächsten Mai in den Elysée-Palast einzuziehen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Auf Tour in Berlin: CDU-Kanzlerkandidat Armin Laschet nach seinem Auftritt beim Tag der Deutschen Familienunternehmen

          Bundestagswahl 2021 : CDU will Betriebe steuerlich schonen

          Das Wahlprogramm der Union gewinnt erste Konturen mit einem Belastungsdeckel für Unternehmen. Offen ist, wie Mehrausgaben für Klima und Soziales zur Schuldenbremse passen.

          Wahlkampf mit Euro und EU : Marine Le Pen auf dem Vormarsch

          Forderungen nach einem Austritt aus dem Euro und der EU gehören nicht mehr zum Programm der polarisierenden Französin. Warum Le Pen vor den Präsidentschaftswahlen im kommenden Jahr wieder Hochkonjunktur hat.
          Eine Schulklasse im Ortsteil Britz in Berlin-Neukölln: Lehrer werden in der Hauptstadt seit 2004 nicht mehr verbeamtet.

          Keine Verbeamtung : Warum viele Lehrer Berlin verlassen

          Seit 2004 werden Lehrer in Berlin nicht mehr verbeamtet. Viele junge Lehrer suchen sich deshalb nach dem Studium einen anderen Arbeitsort. Jetzt schlagen die Schulleiter Alarm.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.