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Vor der Wahl in Spanien : Die Frau hinter Rajoy

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Kleine Frau, was nun? Ministerpräsident Mariano Rajoy mit seiner Stellvertreterin Soraya Sáenz de Santamaría Bild: dpa

In der Wählergunst liegt die konservative Partei von Spaniens Regierungschef Rajoy vorne - das liegt aber nicht an ihrem unbeliebten Spitzenkandidaten. Übernimmt seine Stellvertreterin nach der Wahl an diesem Sonntag die Macht in Madrid?

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          Vier Jahre lang hatte sich Mariano Rajoy im Moncloa-Palast eingeschlossen und als Krisenmanager und Spaniens Haushaltssanierer hinter der Makroökonomie versteckt. Doch in den letzten Tagen des Wahlkampfs bemühte sich der konservative Ministerpräsident dann doch noch, volkstümlich zu erscheinen.

          Er verließ seine Madrider Klause, um Märkte und Straßencafés zu besuchen, Hände zu schütteln, Kinder zu küssen und bei aller galicischen Sprödigkeit persönliche Nähe zu vermitteln.

          Das brachte ihm am Mittwoch bei einer Wahlkampfveranstaltung in der galicischen Stadt Pontevedra im Nordwesten Spaniens den Faustschlag eines 17 Jahre alten Gymnasiasten und selbst ernannten „Antifaschisten“ ein. Der Schlag traf Rajoy ins Gesicht, seine Brille zerbrach, gleichwohl setzte der Regierungschef seinen Rundgang durch die Stadt fort.

          Bei der Parlamentswahl am Sonntag dürfte Rajoy laut Umfragen zwar mit Abstand die meisten Stimmen erreichen. Falls diese nicht für eine eigene Mehrheit reichen, ist aber denkbar, dass eine dann zu bildende Koalition von Rajoys freiwilligem Verzicht abhinge.

          Nutznießerin könnte die deutlich jüngere stellvertretende Ministerpräsidentin Soraya Sáenz de Santamaría sein. Die drei jungen Herausforderer des Regierungschefs – der 36 Jahre alte bürgerliche Albert Rivera, der 37 Jahre alte Podemos-Chef Pablo Iglesias und der 43 Jahre alte Sozialist Pedro Sánchez – hatten jedenfalls in ihrem Wahlkampf schon einen Generationenwechsel zum Leitmotiv erhoben. Dabei half ihnen, dass der 60 Jahre alte Rajoy mit seiner ernsten Miene und den tiefen Furchen im Gesicht tatsächlich erste Ermüdungserscheinungen zeigte.

          Rivera kritisiert die Nähe Rajoys zu schwarzen Kassen

          „Ich bin der, der Spanien gut bekommt“, zeigte sich der Regierungschef gleichwohl selbstbewusst. Er, dessen Leistung nach eigener Darstellung darin besteht, das Land am finanziellen Abgrund „vor der Rettung gerettet“ zu haben, präsentierte sich mit seiner wirtschaftlichen Leistungsbilanz als politisch sichere Bank.

          Er war der Kandidat der Stabilität, der Erfahrung und der ruhigen Hand, der vor Experimenten, dem Zurückdrehen der Reformen warnte. Der Jurist und ursprüngliche Liegenschaftsbeamte, der vor seinem Aufstieg zum Regierungschef kompetent schon nahezu alle wichtigen Ministerien geleitet hatte, will es noch einmal wissen. Sollte es für eine eigene Regierungsmehrheit nicht reichen, könnte es für ihn aber schwer werden.

          Denn Albert Rivera, der programmatisch mit Rajoys Volkspartei nicht viele Bündnisprobleme hätte, sieht den Regierungschef als zu befleckt von schwarzen Parteikassen an, als dass er ihn als Vorgesetzten oder Partner akzeptieren möchte.

          Der in Barcelona geborene Jurist warb für sich mit dem Slogan „Ich bin der Beste für den Wandel“ und meinte damit einen politischen „Wechsel der Vernunft und der Mäßigung“. Riveras Aufstieg dauerte ein Jahrzehnt und kam dann doch unvermittelt.

          Im Jahr 2006 gründete er in seiner Heimatstadt die damals noch auf Katalanisch Ciutadans genannte Partei, um ein Gegengewicht zu den Regionalnationalisten und Sezessionisten zu bilden. Den Sprung in die nationale Politik wagte der Provinzabgeordnete, der sorgfältig sein Image als Traumschwiegersohn pflegt, erst vor einem Jahr.

          Seine Botschaft, sein Stil, sein Selbstvertrauen und die elegante Vermeidung aller rhetorischer Schlammschlachten fanden so viel Anklang, dass er am Wahltag sogar den Sozialisten den Rang der zweitstärksten Partei – nach Rajoys Partido Popular – streitig machen könnte.

          Iglesias ist geschickter Öffentlichkeitsarbeiter

          Pedro Sánchez, der Hoffnungsträger der ältesten Partei Spaniens, hatte es in diesem Wahlkampf am schwersten. Der Wirtschaftswissenschaftler aus Madrid, in ironischer Anspielung auf König Philipp den Schönen „Pedro der Hübsche“ genannt, sah sich Angriffen von links und rechts ausgesetzt.

          Er war in der Hierarchie der Arbeiterpartei noch bis vor kurzem ein kleines Licht gewesen. Zweimal kam er nur als Nachrücker und nie als Gewählter in die Cortes. Als die alte Garde, die noch von Alfredo Pérez Rubalcaba vor vier Jahren in die jüngste eklatante Wahlniederlage geführt wurde, abtrat, witterte er eine Chance.

          Mit bemerkenswerter Beharrlichkeit und Energie zog er landauf, landab durch die Ortsvereine und setzte sich bei einer Urabstimmung der Parteimitglieder überraschend als Spitzenkandidat durch.

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