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70 Jahre Massaker von Aussig : Was Tschechen und Sudetendeutsche bis heute trennt

  • -Aktualisiert am

Sudetendeutsche 1945: Mit dem Transportzug aus der Heimat nach Deutschland. Bild: Sudetendeutsches Archiv, Münche

70 Jahre nach dem Massaker von Aussig spaltet der ehemalige tschechoslowakische Präsident Beneš noch immer die Meinungen von Tschechen und Sudetendeutschen. In Tschechien wird er verehrt – für Sudetendeutsche ist er verantwortlich für Gräueltaten.

          „Wir vergeben und wir bitten um Vergebung“ – mit diesem Satz in einem Brief an ihre deutschen Amtsbrüder leiteten die katholischen Bischöfe Polens im November 1965 die Aussöhnung zwischen Deutschen und Polen ein. In der Tschechischen Republik dauerte es bis zu einer vergleichbaren Initiative 25 Jahre länger.

          Kurz nach dem Sturz des kommunistischen Regimes, am 11. Januar 1990, rief der damalige Prager Erzbischof, Kardinal František Tomášek, zur Versöhnung auf. In einem Brief an die deutschen Bischöfe nannte er die Vertreibung der Deutschen eine „gesetzwidrige und unmenschliche Tat“.

          In den Beziehungen zwischen der Tschechischen Republik und Deutschland vergingen weitere 17 Jahre bis zur „Deutsch-Tschechischen Erklärung“, in der beide Seiten begangenes Unrecht jedoch lediglich bedauerten und zugleich versicherten, „dass sie ihre Beziehungen nicht mit aus der Vergangenheit herrührenden politischen und rechtlichen Fragen belasten werden“.

          Ursachen und Folgen

          Seither gab es immer wieder Initiativen der Aussöhnung, aber sie blieben auf die Ebene der tschechischen Städte und Gemeinden beschränkt. Im Mai dieses Jahres bat der Brünner Stadtrat um Entschuldigung für den „Racheakt“ des Todesmarsches, der „eine Vergeltung für Nazi-Verbrechen sein sollte“. Prompt hagelte es Kritik von der sozialdemokratischen Regierungspartei und der oppositionellen konservativen ODS.

          Als der stellvertretende Ministerpräsident Pavel Bělobrádek vorige Woche als erster ranghoher tschechischer Politiker das Sudetendeutsche Haus in München besuchte und einen Kranz für die Opfer der Vertreibung niederlegte, fühlte sich der sozialdemokratische Ministerpräsident Bohuslav Sobotka sogleich zur Distanzierung verpflichtet. Die Geste sei nicht von der tschechischen Regierung gebilligt worden.

          Sobotka warnte davor, „Ursachen und Folgen“ in den deutsch-tschechischen Beziehungen zu übersehen: „Es war Nazi-Deutschland, das die demokratische Tschechoslowakei zerschlagen und den Zweiten Weltkrieg entfacht hat.“

          Das deutsche Problem liquidieren

          Der 31. Juli ist der 70. Jahrestag des Massakers von Aussig (Ústí nad Labem). Am Nachmittag des 31. Juli 1945 war auf dem Gelände einer ehemaligen Zuckerfabrik im Ortsteil Schönpriesen ein Munitionsdepot explodiert. Auf das Gerücht, Saboteure vom „Werwolf“ hätten die Katastrophe verursacht, kam es in der Stadt zu pogromartigen Ausschreitungen gegen die Deutschen. Das Gerücht passte zu dem Versprechen des tschechoslowakischen Präsidenten Edvard Beneš, „dass wir das deutsche Problem in unserer Republik ein und für alle Mal liquidieren werden“.

          Angehörige der tschechischen Revolutionsgarden, Soldaten sowie rund dreihundert „Zivilisten“, die erst an diesem Tag mit einem Zug aus Prag angekommen waren, gingen sofort mit brutaler Gewalt gegen alle Deutschen vor, die sie antrafen, Kinder und Frauen inbegriffen.

          Häuser und Geschäfte wurden durchkämmt, auf dem Bahnhofsvorplatz und auf dem Ringplatz wurde mit Knüppeln und Stangen auf Passanten eingeschlagen. Schüsse fielen, einige der Deutschen, die der Mob durch die Straßen gejagt hatte, wurden in einem Feuerlöschteich ertränkt. Wie viele Menschen bei den Ausschreitungen ums Leben kamen, konnte nie zweifelsfrei geklärt werden. 40 bis 100 Tote wurden genannt, aber auch 200 und mehr.

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