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Russischer Putsch vor 25 Jahren : Vorgefühl des Bürgerkriegs

Zum Gedenken an den Putsch von 1991 tragen Demonstranten der Opposition am 22. August 2010 eine überdimensionale Russlandfahne durch Moskaus Innenstadt. Bild: Reuters

Der Putsch vor 25 Jahren hat dem heutigen Russland den Weg bereitet. Doch der Versuch, die alte Sowjetunion wiederzubeleben, löst heute noch zwiespältige Gefühle bei vielen Russen aus.

          Wladimir Putin war sich sofort sicher, wohin er gehörte: „Ich wusste genau, auf Befehl der Putschisten gehe ich nirgendwohin, und auf ihrer Seite werde ich niemals sein.“ So schilderte er seine Haltung während jener Tag im August 1991, in denen das Schicksal der Sowjetunion besiegelt wurde, kurz vor seiner ersten Wahl zum Präsidenten im Jahr 2000 in dem Interviewband „Aus erster Hand“. Putin stand im Sommer 1991 am Anfang seiner politischen Karriere: Er war ein enger Mitarbeiter des erst zwei Monate zuvor gewählten Leningrader Bürgermeisters Anatolij Sobtschak, der neben dem russischen Präsidenten Boris Jelzin als einer der wichtigsten Führer der russischen Demokraten galt.

          Reinhard Veser

          Redakteur in der Politik.

          Als am Morgen des 19. August 1991 in Moskau das „Staatskomitee für den Ausnahmezustand“ verkündete, dass der sowjetische Präsident Michail Gorbatschow aus „gesundheitlichen Gründen“ nicht mehr im Amt sei, Zeitungen, Demonstrationen und Streiks verbot und die Armee in die Hauptstadt einrücken ließ, befand sich Putin freilich „weiß der Teufel wo“ (wie er selbst formulierte) außerhalb von Leningrad im Urlaub. Er erreichte die Stadt am 20. August, als dort – wie in Moskau – bereits Zehntausende auf den Straßen waren, um den Putschisten Widerstand zu leisten. An jenem Tag, so stellt Putin es dar, habe er endgültig den Dienst beim sowjetischen Geheimdienst KGB quittiert, dessen Chef Wladimir Krjutschkow einer der Anführer der Junta war.

          Am Boden: Eine Menschenmenge beobachtet am 22. August 1991 wie die Statue des KGB-Gründers Dzerzhinsky gestürzt wird.

          Einige Jahre später waren Putin und Krjutschkow wieder auf derselben Seite: Als der künftige Präsident 1998 zum Direktor des Inlandsgeheimdienstes FSB und damit indirekt zum Nachfolger des letzten KGB-Chefs ernannt wurde, berief er diesen als Berater. Im offiziellen Nachruf des FSB auf Krjutschkow, der 2007 im Alter von 83 Jahren starb, hieß es, dessen Lebensweg sei „ein Beispiel selbstlosen Dienstes an Vaterland und Volk“. Und auch der letzte noch lebende Anführer des Putsches, der damalige Verteidigungsminister Dmitrij Jasow, wird von Putin geehrt und gefeiert: Zum 90. Geburtstag im November 2014 verlieh er ihm persönlich einen hohen Orden, für Verdienste um die Verteidigungsfähigkeit des Landes und die patriotische Erziehung der Jugend.

          Weder in dem FSB-Nachruf auf Krjutschkow noch in Putins Lobrede auf Jasow kamen jene drei Tage vor, in denen die beiden Weltgeschichte geschrieben haben. Diese Leerstelle ist Ausdruck einer in der russischen Gesellschaft weitverbreiteten Unsicherheit über die Bewertung der dramatischen Augusttage vor 25 Jahren. Wladimir Putin hat es in dem Interview im Jahr 2000 so formuliert: „Es war klar, dass sie mit ihren Handlungen das Land zerstören“, antwortete er auf die Frage, was er im Sommer 1991 über die Putschisten dachte. „Im Prinzip hatten sie eine edle Aufgabe, sie haben vermutlich gedacht, dass sie den Zerfall der Sowjetunion aufhalten. Aber die Mittel und Methoden, die gewählt wurden, haben diesen Zerfall nur vorangetrieben.“

          Russland zersetzt sich selbst

          Das Scheitern des Putsches bedeutete tatsächlich zugleich das endgültige Scheitern der Sowjetunion, das viele Russen heute als Tragödie, als Verlust des eigenen Landes empfinden. Der Zerfallsprozess aber war schon zuvor so weit vorangeschritten, dass er kaum noch aufzuhalten war. Und die entscheidende Kraft waren dabei nicht die nach Unabhängigkeit strebenden Republiken im Baltikum und im Kaukasus – sondern Russland.

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