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Von Beatrix zu Willem-Alexander : Alles ist oranje

Einer der letzten Repräsentationstermine in den alten Rollen: Prinz Willem-Alexander, Königin Beatrix und Prinzessin Maxima (von links) Mitte April in Amsterdam zur Feier des 125. Geburtstags des Konzerthauses Concertgebouw Bild: dpa

Mit dem Thronwechsel in den Niederlanden an diesem Dienstag weicht eine überzeugte Europäerin einem Gestalter der Globalisierung. Für Beatrix war Europa das Ziel, für den neuen König ist es nur mehr ein Vehikel.

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          Beatrix wünscht kein Abschiedsgeschenk. Das passe nicht in die Zeit, teilte Ministerpräsident Mark Rutte mit, kaum hatte die Königin den Niederländern ihre Abdankung angekündigt. Auch das Fest zur Thronbesteigung von Willem-Alexander soll „nüchtern“ bleiben. Viele fette Jahre lang hatten Politiker gerätselt, woher eine rundum versorgte, vollbeschäftigte Bevölkerung so viel Pessimismus und Verunsicherung schöpfte. Nun geben Rezession, Arbeitslosigkeit und Immobilienkrise den Bangen recht. Für die königliche Feier kratzten die Regierung und die Stadt Amsterdam zwölf Millionen Euro zusammen, zuzüglich Polizeieinsatz.

          Andreas Ross

          Verantwortlicher Redakteur für Politik Online und stellvertretender verantwortlicher Redakteur für Nachrichten.

          Viel Geld? Nach Regierungsangaben kostet die Monarchie jedes Jahr 110 Millionen Euro. Allein Willem-Alexander soll 800.000 Euro netto bekommen. Den Steuerzahlern versprach er für diese „phantastische Unterstützung“ gute Arbeit. Ein Tilburger Ökonom hat Beatrix’ exportfördernde Wirkung auf bis zu fünf Millionen Euro im Jahr taxiert. Als Majestät wird sich Willem-Alexander Fragen nach dem königlichen Preis-Leistungs-Verhältnis verbitten. Denn es gibt darauf keine vernünftige Antwort. Wer den Aufwand der Monarchie in fehlende Lehrer oder Patientenzuzahlungen umrechnet, unterstellt ihr eine rationale Legitimität, die ihr abgeht. Das gilt auch für Diskriminierungswächter, die für die Thronfolger das Recht auf eine Homo-Ehe einfordern. Das souveräne Volk hat sich aber den Luxus geleistet, ein „historisches und nationales Gefühl zu institutionalisieren“, wie es der Soziologe Paul Schnabel formuliert hat. Man frage also nach dem Wert, nicht nach dem Preis.

          Überzeugte Europäerin weicht Globalisierungs-Gestalter

          Der niederländische König ist Teil der Regierung. Die Verantwortung für sein Handeln tragen die Minister, der Regierungschef erstattet einmal pro Woche im Palast Bericht. Wenn sich Willem-Alexander so gründlich wie seine Mutter einarbeitet und so ausdauernd den Kontakt zu den Eliten des Landes pflegt, wird auch er über gehörigen Einfluss verfügen. Natürlich verspricht er Kontinuität, das ist das Lebenselixier der Monarchie.

          Aber der Generationswechsel auf dem Thron wird Spuren hinterlassen. So, wie es in den Parteien längst passiert ist, weicht nun auch am Hof eine Überzeugungs-Europäerin einem Globalisierungs-Gestalter. Beatrix wurde geprägt von ihrem Vater Bernhard, der sich vom Angehörigen der Reiter-SS zum Widerstandskämpfer entwickelte - und von dem Zorn, den ihre Ehe mit dem Deutschen Claus von Amsberg anfangs hervorrief.

          Skandalöse Gattenwahl in den Augen vieler Niederländer: Königin Beatrix’ und ihr Mann Prinz Claus - aufgenommen im Jahr 1980

          Sie war stolz, als sie im zweiten Jahrzehnt ihrer Regentschaft in Maastricht und Amsterdam Europäer zu Gast hatte, die ihre Union vertieften. Und sie war schockiert, als das Volk 2005 massiv gegen den europäischen Verfassungsvertrag stimmte. Dem Verdruss setzte sie ihr „Wir sind Europa“ entgegen. Sie musste ja nicht wiedergewählt werden.

          Handlungsreisender einer ganzen Nation

          Willem-Alexander hat eine Argentinierin geheiratet, die als Bankerin in New York Karriere gemacht hatte. Beide engagieren sich für die Vereinten Nationen. Ungenierter als Beatrix verkauft sich der neue König als alleroberster Handlungsreisender einer Nation, die in der Welt des Im- und Exports noch immer über ihrer Gewichtsklasse boxt.

          Enge Bande zu Deutschland liegen auch ihm am Herzen - seines verstorbenen Vaters wegen, aber auch wegen der Abhängigkeit des Königreiches von der deutschen Wirtschaft. Doch dürfte er sich in den Worten wiederfinden, die aus Ruttes rechtsliberaler Regierungspartei zu hören sind: Es gebe nationale Interessen und globale Ziele, aber kein ureigenes europäisches Interesse.

          Europaskepsis auch in den Niederlanden

          Für Beatrix ist Europa das Ziel, für ihren Sohn ein Vehikel. Das ist mehr als eine Akzentverschiebung in einer Zeit, in der barsche britische Europakritik auch in den Niederlanden Fuß fasst und in der die von Populisten beschallten Wähler mit den Parteien Jojo spielen. Willem-Alexander, jahrelang Mitglied des Internationalen Olympischen Komitees, kann jüngeren Niederländern glaubhaft Weltoffenheit vorleben. Doch anders als seinem jüngsten Bruder Constantijn, der als Kabinettschef der niederländischen EU-Kommissarin in Brüssel arbeitet, fehlt ihm schon das kulturelle Interesse der Mutter, um beherzt für die europäische Zivilisation zu werben.

          Die populistischen und nationalistischen Wellen der vergangenen zehn Jahre waren Beatrix ein Graus. In ihren Mahnungen und Warnungen ging sie bis an die Grenzen dessen, was ein stolzes und streitlustiges Parlament einem nicht gewählten Staatsoberhaupt zubilligen kann. Dabei hat Beatrix die populäre Rückbesinnung auf die Nation, die auf eine Phase des oktroyierten Kosmopolitismus folgte, dabei geholfen, die Monarchie zu festigen. Je allergischer die Niederländer auf die Europafahne reagierten, desto lieber kleideten sie sich in Orange. Je mehr sich das Volk der Illusion hingibt, früher sei alles besser gewesen, desto höher steht eine Institution im Kurs, die (allen Tierschützern zum Trotz) für die Thronbesteigung einen 200 Jahre alten Hermelinmantel hervorkramt. „Aus einer selbstgewissen Haltung können wir in der Europäischen Union eine klare Rolle spielen“, schrieb Beatrix einst. Willem-Alexander muss hoffen, dass ihm in der Stimmungsdemokratie genug Zeit zugebilligt wird, um dazu das Seine beizutragen.

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