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Vojislav Šešelj : Die böse Ballerina

Umtriebig: Šešelj auf einer Kundgebung in Belgrad nach seiner vorläufigen Freilassung Bild: AP

Vojislav Šešelj soll im Jugoslawienkrieg unzählige Verbrechen begangen haben. Eine Spirale der Grausamkeiten. Heute ist er noch immer aktiver Politiker. Und sich keiner Schuld bewusst. Eine Begegnung.

          Dieser Mann ist der vitalste Krebskranke, den man sich denken kann. Ein Meter neunzig, 130 Kilogramm, dazu ein Bariton, als könne er morgen in Bayreuth den Wotan singen. „Es gibt niemanden auf serbischem Gebiet, der gesünder wäre als ich. Ich hatte Dickdarmkrebs, aber ich habe ihn besiegt. Ich wurde zweimal operiert, es tauchten Metastasen an der Leber auf, eine fünf Millimeter lang, die andere neun. Sie wachsen nicht mehr“, sagt Vojislav Šešelj. Nein, er sagt es nicht. Er dröhnt es. Selbst wenn er wollte: Šešelj kann gar nicht leise sprechen. Er kann nur Wotan.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Wir sind zu einem Interview verabredet in Šešeljs Parteizentrale in dem Belgrader Vorort Zemun. Sein Büro liegt am Marktplatz, wo es nach Mohrrüben, Kartoffeln und feuchter Erde riecht. In Šešeljs Büro riecht es nach warmem Plastik und Computerkabeln. An der Wand neben Šešelj hängt ein Porträt: Šešelj in Öl auf Leinwand, mit roter Schärpe und mutmaßlich großserbischen Orden behangen. Der echte Šešelj trägt an diesem Tag Bluejeans und ein anthrazitfarbenes Lacoste-Hemd. Aus seiner Nase wachsen graue Haare. Šešelj ist Vorsitzender der „Serbischen Radikalen Partei“, deren Name Programm ist: sehr serbisch, sehr radikal. Šešelj ist seit einem Vierteljahrhundert ihr Boss.

          Außerdem ist er einer der letzten beiden wichtigen Angeklagten des UN-Kriegsverbrechertribunals für das ehemalige Jugoslawien in Den Haag. Am Gründonnerstag hat das Tribunal den ehemaligen bosnischen Serbenführer Radovan Karadžić wegen Völkermordes und Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu vierzig Jahren Haft verurteilt. Das Verfahren gegen Karadžićs General Ratko Mladić, der 1995 in Srebrenica mehr als 7000 gefangene Muslime erschießen ließ, läuft noch, wird aber mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ebenfalls damit enden, dass der Angeklagte den Rest seines Lebens in Haft verbringen muss. Wenn es zu einem Urteil überhaupt kommt, denn der einst kraftstrotzende General ist schwer krank, ein Wrack.

          Šešelj ist anders als die anderen Angeklagten

          Und dann ist da noch Šešelj. Sein Urteil soll nächsten Donnerstag gefällt werden, am 31. März. Šešelj ist ein Sonderfall unter den 161 Angeklagten des Kriegsverbrechertribunals. Nicht nur deshalb, weil er außer dem Albaner Ramush Haradinaj der einzige wegen Kriegsverbrechen angeklagte Protagonist der jugoslawischen Zerfallskriege ist, der noch immer eine maßgebliche politische Rolle spielt in seinem Land. Sondern auch, weil kein Verfahren in Den Haag länger dauerte als das gegen Šešelj. Im Februar 2003, nachdem die Anklage gegen ihn bekanntgeworden war, stellte er sich freiwillig dem Tribunal, und erst jetzt, nach mehr als dreizehn Jahren, wird das erstinstanzliche Urteil gesprochen. Selbst in dem epischen Verfahren gegen Slobodan Milošević wäre das Urteil schneller ergangen, hätte der frühere jugoslawische Präsident die Angelegenheit nicht durch seinen Tod in Untersuchungshaft auf außergerichtliche Weise abgekürzt.

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