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Helmut Kohls neues Buch : Europa ist unser gemeinsames Schicksal

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Viktor Orban und Helmut Kohl im Jahr 2006 in Leipzig Bild: Picture-Alliance

Helmut Kohl hat mit seinem neuen Buch „Aus Sorge um Europa“ einen Appell zum Handeln verfasst. Wir müssen das Schicksal Europas mit Verstand und Leidenschaft in die Hand nehmen. Ein Gastbeitrag von Viktor Orbán.

          3 Min.

          Jahrestage funktionieren wie ein Teppichbombardement: Sie überschütten uns mit Lehren. Der 25. Jahrestag der Grenzöffnung und des Falls der Berliner Mauer und der deutschen Wiedervereinigung verleiht eine besondere Aktualität jenem vor kurzem erschienenen Buch, das die persönlichen Erfahrungen, sogar das politische Credo Helmut Kohls, eines großen Gestalters der Geschichte des 20. Jahrhunderts, zum Inhalt hat: „Aus Sorge um Europa“ (Droemer Verlag, München). Der Untertitel des Buches formuliert klar: „Ein Appell.“ Das Buch ist demnach nichts anderes als der Aufruf des Altkanzlers zum gemeinsamen Handeln. Durch die Schrift des großen deutschen Politikers zieht sich der Gedanke, dass Europa unser gemeinsames Schicksal und unsere gemeinsame Verantwortung ist - beides müssen wir mit Verstand und mit Leidenschaft in die Hand nehmen.

          Frieden und Freiheit sind nach Überzeugung des Verfassers das Herzstück Europas und die Grundvoraussetzung für alles andere: für Demokratie, den Schutz der Menschenrechte, Rechtsstaatlichkeit, soziale Stabilität und Wohlstand und für unsere Verantwortung über die Grenzen Europas hinaus für die Welt als Ganzes. Ich teile diese Ansicht des Altbundeskanzlers. Auch ich bin überzeugt, dass die Europäische Union nicht etwa von einem utopistischen Hirngespinst, sondern von einem sehr realen, gleichsam handgreiflichen, praktischen Ziel ins Leben gerufen wurde, vom Bedürfnis, Frieden zu schaffen. In diesem Bedürfnis liegt aber nichts Utopisches. Der sehr praktische Gedanke der europäischen Einheit wurde gerade im Gegensatz zu den gefährlichen und falschen Utopien des 20. Jahrhunderts geboren.

          Kohl beleuchtet das aktuelle Geschehen, das Anlass zur Sorge gibt. Schonungslos verweist er auf die Wurzel des Übels, auf Fehlentscheidungen. Seine Bilanz fällt nicht eben positiv aus: „Europa ist in keinem guten Zustand.“ Die Ursachen dafür sieht Kohl im „Klein-Klein“ in der Betrachtung und Gewichtung der Schwierigkeiten, in Kleinmut, in der fehlenden Weitsicht, in der andauernden Krisendiktion, in der Geschichtsvergessenheit und historischen Ignoranz. Und wie der große Zeitzeuge des 20. Jahrhunderts damit recht behält, zeigt sich besonders deutlich am Europa des 21. Jahrhunderts. Wir, die Gestalter der Gegenwart, haben uns zu vergegenwärtigen: Die Europäische Union ist vor die Frage gestellt, ob sie als eine missglückte Utopie in die Weltgeschichte einziehen wird. Wenn wir nicht aufpassen, kann die Union zu einem neuen lehrreichen Beispiel eines fehlerhaften utopischen Versuchs werden. Es ist unsere Aufgabe, das zu verhindern.

          Die Nationen sind die wichtigsten Werte Europas

          Helmut Kohl ist einer der großen Baumeister Europas, der während seiner Zeit als Kanzler gemeinsam mit seinen europäischen Partnern unermüdlich für die europäische Einigung im Einsatz war. Sein Appell gibt Antworten auf eine Reihe von Fragen, die auch wir Ungarn uns bei der Analyse des Geschehens in Europa stellen. Das Buch ist auch an jenen Stellen richtungweisend, wo wir es gar nicht erwarten würden. Wir sollten nicht außer Acht lassen, dass sich heute die Repräsentanten der gleichen politischen Kräfte Sorgen um „Ungarns Abwendung von den europäischen Werten“ machen, die, wie es in Altbundeskanzler Kohls Appell heißt, die wirtschaftliche und finanzielle Stabilität Europas und die Verlässlichkeit seiner Außenpolitik auf dem Altar kurzfristiger parteitaktischer Vorteile geopfert haben.

          Helmut Kohl bei der Vorstellung seines Buches in Frankfurt
          Helmut Kohl bei der Vorstellung seines Buches in Frankfurt : Bild: Eilmes, Wolfgang

          Dass die kleinen Mitgliedstaaten genauso viel zählen wie die großen, ihre Meinung, ihre Sichtweise ebenso der Festigung der europäischen Gemeinschaft dienen, ist für uns ungarische Leser auch ein wichtiger Wegweiser. Ich bin der gleichen Ansicht wie Altkanzler Kohl, dass die wichtigsten Werte Europas die Nationen sind, zumal die vielfältigen Nationen. In Europa sind die Nationen die Realität, die Vereinigten Staaten von Europa die Utopie. Hier in Europa ist es Utopie. Tausend Jahre alte nationale Wurzeln sind nämlich vorhanden, die zu zerreißen würde dem Selbstmord gleichkommen.

          Es ist meine Überzeugung, dass man Völker und Nationen mehr in die Arbeit der Union einbeziehen sollte. Jahrzehntealte Institutionen können nicht den jahrhundertealten Rahmen des menschlichen Zusammenlebens annullieren. Es ist von Anfang an zum Scheitern verurteilt, falls wir Europa ohne nationale Besonderheiten bilden wollen. Niemand hat das Recht, von den Völkern zu verlangen, dass sie auf ihre Identitäten verzichten.

          Wir müssen wissen, was wir wollen

          Wir Ungarn glauben ebenso wie der Altbundeskanzler, dass wir keine verselbständigte, bürokratische und zentralistische Mammutinstitution wollen. Europa als Institution darf sich nicht von den Mitgliedstaaten und den Bürgern entfernen. Wir sind hier in Europa Teil einer Werte- und Kulturgemeinschaft mit christlichen Wurzeln. Der Altkanzler sagt es mutig heraus: Europa ist nicht die verrückte Idee einiger Träumer, es ist nicht Poesie und nicht Folklore. Nicht die Träumer sind es, die Europa bauen, daher können wir auch keine „Hurra-Europäer“ sein.

          Mit den Problemen und Herausforderungen müssen wir uns schonungslos auseinandersetzen, unerbittliche Ehrlichkeit ist bei der Suche der guten Antworten gefragt. Dafür müssen wir jedoch wissen, was wir wollen. Nötig ist Demut gegenüber dem Ziel, eine klare und eindeutige Vision und eine starke politische Führung, die Richtung geben kann und diese auch zu halten fähig ist. So kommen wir von der Sorge um Europa zum Ausgangspunkt des gemeinsamen Handelns. Dank sei für Helmut Kohl!

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