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Schuldenkultur in Frankreich : Es lebe der Bankrott!

Nicht nur Charlie Hebdo: Frankreich ist auch Syriza Bild: AFP

Viele Franzosen sympathisieren mit der griechischen Forderung nach einem Schuldenschnitt. Was das aber für den eigenen Haushalt bedeuten würde, ist ihnen wohl nicht klar.

          Die meisten Franzosen nehmen ihr Land nicht als einen der Hauptgläubiger Griechenlands wahr. Diese Selbsttäuschung erklärt die eigentümliche Mischung aus Indifferenz und Solidaritätsgefühl, die in der französischen Öffentlichkeit zum Thema Griechenland vorherrscht. Nur die Sympathisanten des Front National (FN) bilden inzwischen eine Ausnahme. Ein Drittel der Anhänger Marine Le Pens verlangt, dass Griechenland seine Schulden ohne abermaligen Aufschub und weitere Umstrukturierungspläne zurückzahlt. Das hat das Meinungsforschungsinstitut CSA in seiner jüngsten Umfrage zur griechischen Schuldenkrise herausgefunden.

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Ein Großteil der Franzosen ist hingegen weiter für einen nachsichtigen Umgang mit der Regierung des Ministerpräsidenten Alexis Tsipras: 30 Prozent sprechen sich für einen sofortigen Schuldenerlass aus – obwohl ein kompletter Schuldenschnitt mit etwa 40 Milliarden Euro auf der französischen Staatskasse lasten würde. Die meisten Franzosen ignorieren das aber.

          Die Mehrheit (52 Prozent) plädiert immerhin dafür, der Regierung in Athen die Fristen zur Rückzahlung der Kredite zu verlängern. „Das ist wirklich überraschend, denn in Fragen der Steuerlasten und des Haushaltsdefizits sind die Franzosen inzwischen sehr empfindlich“, sagte Yves-Marie Cann vom Meinungsforschungsinstitut CSA. Offensichtlich seien den meisten Befragten die Folgen eines Schuldenerlasses für den französischen Staatshaushalt aber nicht klar.

          Tür offenhalten für Platon

          „Wir können Platon doch nicht die Tür vor der Nase zuschlagen!“ Mit diesen Worten hatte der französische Staatspräsident Valéry Giscard d’Estaing Ende der siebziger Jahre bei seinen Landsleuten für den Beitritt Griechenlands zur Europäischen Gemeinschaft geworben. Giscard sah sich in der Rolle des Retters der modernen griechischen Demokratie – so klingt es zumindest in seinen Erinnerungen. Er sorgte dafür, dass sein Freund Konstantinos Karamanlis im französischen Präsidentenflugzeug mit dem Trikolore-Banner im Juli 1974 nach Athen zurückkehrte.

          Karamanlis hatte während des Militärregimes in Paris im Exil gelebt; dann als Ministerpräsident, von 1974 bis 1980, sollte Giscard ihn stets unterstützen. Rückblickend nennt der frühere französische Präsident die Aufnahme Griechenlands in die Euro-Zone 2001 einen „schweren Fehler“. Er fordert heute die griechische Regierung auf, doch „auf freundliche Weise“ („friendly exit“) die Währungsunion zu verlassen. Die breite Öffentlichkeit hat diese Kehrtwende aber kaum wahrgenommen.

          Erwartungsvoller Blick nach Griechenland

          Ohnehin halten sich französische Politiker auffallend zurück, sich zur Griechenland-Krise zu äußern. Staatspräsident François Hollande, dem Tsipras bereits am 4. Februar einen Antrittsbesuch in Paris abstattete, speiste den Gast mit Floskeln und der Empfehlung ab, so schnell wie möglich die Bundeskanzlerin aufzusuchen. Die Vorsicht des sozialistischen Präsidenten ist dadurch begründet, dass die französische Linke den Griechen als Frontmann eines zweiten Versuchs sieht, die Eurozone zu revolutionieren. Hollande hatte dergleichen versprochen, aber seit 2012 nicht vermocht. Nun richtet sich das Augenmerk auf Tsipras, der mit der Spar- und Reformpolitik brechen, aber zugleich in der Eurozone bleiben will.

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