https://www.faz.net/-gq5-8f5lc

Urteil gegen Karadžić : In seiner Wirkung kaum zu überschätzen

Karadžić im Gericht in Den Haag Bild: dpa

Das Urteil des UN-Kriegsverbrechertribunals gegen Karadžić ist nicht nur in der Geschichte des Balkans eine Zäsur. Mindestens ebenso bedeutsam wie das Urteil selbst wird die Reaktion in Serbien sein.

          Das Urteil des UN-Kriegsverbrechertribunals gegen Radovan Karadžić ist nicht nur in der Geschichte des Balkans eine Zäsur. Mit ihm endet nun auch juristisch das blutigste Kapitel der jugoslawischen Zerfallskriege. 40 Jahre Haft wegen Völkermords und Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Verstößen gegen Gesetze und Gebräuche des Krieges: Radovan Karadžić, der ehemalige Präsident der bosnischen Serbenrepublik, ist ab heute nicht länger nur ein mutmaßlicher, sondern ein verurteilter Kriegsverbrecher. Daran wird selbst ein Berufungsverfahren schwerlich noch Maßgebliches ändern. In Bosnien-Hercegovina, wo während des Krieges von 1992 bis 1995 mehr als 100.000 Menschen getötet und Millionen entwurzelt wurden, wird das Urteil zwar die Wunden nicht heilen, Opfern und Hinterbliebenen aber wenigstens ein Gefühl später, wenn auch sehr später Gerechtigkeit vermitteln können. Ein internationales, von der Staatengemeinschaft (auch von Russland) eingesetztes Gericht hat die von Karadžić verantwortete Politik nun nämlich nach einem jahrelangen Prozess mit skrupulös geführter Beweisaufnahme als das bezeichnet, was sie war: Als böse und verbrecherisch. Dies festzustellen bedeutet nicht, die Verbrechen von bosnischen Muslimen oder Kroaten an Serben zu verharmlosen oder gar zu negieren.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Die Wirkung des Karadžić-Prozesses und des nun ergangenen Urteils vor allem auf Bosniens Muslime ist kaum zu unterschätzen. Was für die Vereinigten Staaten „9/11“ war, also der Terroranschlag auf die Zwillingstürme in New York, das war und ist für die bosnischen Muslime „7/11“ – das Massaker von Srebrenica, das am 11. Juli 1995 begann. Srebrenica ist der negative Gründungsmythos des unabhängigen Staates Bosnien-Hercegovina. Dieses größte und bekannteste der vielen Verbrechen des Bosnienkrieges hat in erster Linie allerdings nicht Karadžić, sondern sein General Ratko Mladic zu verantworten, der es befehligte und der inzwischen, obschon schwer krank, ebenfalls in Haag vor Gericht steht. Während Mladic die Hauptverantwortung bei der Ausführung des Verbrechens in Srebrenica trug, was das Massaker politisch Bestandteil und grausam-logische Folge einer Ideologie, für die in erster Linie Karadžićdie Verantwortung trägt.

          Mindestens ebenso bedeutsam wie das Urteil selbst wird die Reaktion darauf in Serbien sein. Dort hatte sich der in Montenegro geborene Serbe Karadžić nach dem Ende des Krieges in Bosnien jahrelang versteckt und so einer Überstellung an das Kriegsverbrechertribunal entzogen – mutmaßlich mit dem Wissen des serbischen Geheimdienstes oder zumindest eines Teils davon. Als Karadžić im Juli 2008 in Belgrad von einer Regierung unter Führung des damaligen Staatspräsidenten BorisTadić verhaftet wurde, reagierte die extremistische „Serbische Radikale Partei“ (SRS) des ebenfalls in Den Haag angeklagten ehemaligen Freischärlerführers Vojislav Seselj am lautesten. Der damalige SRS-Generalsekretär Aleksandar Vucic nannte die Verhaftung Karadžićs eine „schauderhafte Nachricht“, die alle Serben traurig stimme. Er setzte sich an die Spitze einer Protestbewegung mit dem Ziel, die Überstellung Karadžićs an da Kriegsverbrechertribunal zu verhindern. Vucic bezeichnete Karadzic als „Symbol des (serbischen) Patriotismus und nannte Tadic einen „Diktator“ und „Verräter“, der mit dem Westen zusammenarbeite. Vor 15.000 serbischen Nationalisten in Belgrad auf einer Kundgebung für Karadžić sagte Vucic damals: „Danke, dass ihr in so großer Zahl gekommen seid, um zu zeigen, dass Serbien nicht tot ist.“ Heute ist Vucic Ministerpräsident Serbiens und spricht anders. Wird er den Mut haben, seinen Landsleuten das Urteil nüchtern zu erklären, oder wird er in alte nationalistische Reflexe zurückfallen und vom Haager Tribunal als einem „antiserbischen Gerichtshof“ sprechen?

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Kommt heute nach Berlin: Boris Johnson

          Johnson besucht Berlin : Warten auf ein erstes Blinzeln

          Der britische Premierminister Boris Johnson droht der EU mit einem harten Brexit und lockt mit vagen Zugeständnissen – doch in Brüssel und Berlin wächst nur das Unverständnis.
          Kardinal George Pell verlässt im Februar 2019 ein Gericht im australischen Melbourne.

          Kindesmissbrauch : Kardinal Pell bleibt hinter Gittern

          Der ehemalige Finanzchef des Vatikans hat in den neunziger Jahren zwei Chorknaben in Melbourne missbraucht. Die Vorsitzende Richterin spricht von einem Prozess, der ihr Land gespalten habe
          Alles andere als ein Verlustgeschäft: Michail Prochorow

          Basketball in der NBA : Der Russe, die Nets und der Milliardendeal

          Er trat gegen Putin an. Er kokettiert mit dem Ruf eines Playboy. Doch mit dem Basketballklub Brooklyn Nets hatte Michail Prochorow keinen Erfolg. Das Abenteuer Amerika war dennoch kein Verlustgeschäft. Im Gegenteil.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.