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Litwinenko-Mord : Ein ungeheuerlicher Vorwurf

Die Witwe: Marina Litwinenko fordert am Donnerstag vor dem Gerichtsgebäude in London die Ausweisung aller russischen Geheimdienstmitarbeiter. Bild: AP

Ein britischer Richter sagt, Russlands Präsident Putin könnte den Mord an Litwinenko gebilligt oder befohlen haben. Moskau zeigt sich unbeeindruckt. Selbst London hält sich mit Reaktionen merklich zurück. Warum?

          Kurz bevor Richter Robert Owen den entscheidenden Namen aussprach, machte er eine kaum merkliche Pause: „und auch von Präsident Putin“. Nicht nur der Chef des russischen Geheimdienstes FSB, sondern auch der mächtigste Mann im russischen Staat persönlich habe den Mord an Alexander Litwinenko in London „wahrscheinlich gebilligt“, sagte Owen bei der Präsentation seines Abschlussberichts, der am Donnerstag fast zehn Jahre dauernde, immer wieder unterbrochene und zum Teil auch unerwünschte Untersuchungen zu einem Abschluss gebracht hat.

          Jochen Buchsteiner

          Politischer Korrespondent in London.

          Einen ungeheuerlicheren Vorwurf kann ein Richter kaum formulieren: Ein britischer Staatsbürger wird in seinem eigenen Land von zwei russischen Geheimdienstmitarbeitern mit radioaktivem Polonium vergiftet, und alle Indizien sprechen dafür, dass dies im Auftrag des Kremls geschehen ist. Gemessen daran, hielten sich die offiziellen britischen Reaktionen am Donnerstag in Grenzen. Innenministerin Theresa May machte sich auf den Weg ins Unterhaus und fand viele Worte. Sie sprach dort von einem „eklatanten und nicht hinnehmbaren Bruch des Völkerrechts und zivilisierten Verhaltens“ und versicherte, dass die Regierung die Ergebnisse der Öffentlichen Anhörung „extrem ernst“ nehme. Auch ein paar Ankündigungen hatte sie zu machen. So gab sie bekannt, dass der russische Botschafter im Laufe des Tages ins Foreign Office einbestellt werde, und kündigte einen weiteren Versuch an, in Russland die Auslieferung der beiden hauptverdächtigen Mörder – Andrej Lugowoi und Dmitrij Kowtun – zu beantragen. Das war es wohl, was Premierminister Cameron gemeint hatte, als er zwei Stunden zuvor vom Weltwirtschaftsforum in Davos nach London gerufen hatte, man werde nun „überlegen, welche weiteren Maßnahmen zu ergreifen sind“.

          Zweifel an Mordthese weitestgehend ausgeräumt

          Es gibt viele Gründe dafür, dass die britische Regierung auf das russische Staatsverbrechen auf ihren Straßen vergleichsweise zahm reagiert. Zum einen kommt das Ergebnis der Untersuchungen nicht ganz überraschend. Owen, ein früherer Richter am High Court, hatte zu Beginn seiner Arbeit die Bedingung gestellt, dass er auch Einsicht in die geheimdienstlichen Akten nehmen darf. Diese, ließ er am Donnerstag durchblicken, seien für das Ergebnis noch bedeutender gewesen als die akribischen Recherchen und die 62 Zeugenbefragungen durch seine Mitarbeiter. Das bedeutet aber auch: Die Regierung geht seit langer Zeit davon aus, dass sich vom Mord an Litwinenko eine direkte Linie ins russische Machtzentrum ziehen lässt. Richard Ottaway, bis vor kurzem Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses, hatte schon zu Beginn der richterlichen Untersuchung den „ziemlich klaren Verdacht“ geäußert, dass Litwinenko „auf Geheiß der russischen Regierung“ ermordet worden ist.

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