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UN-Kriegsverbrechertribunal : Die Mörder kamen während der Himbeerernte

Der frühere bosnische Serbenführer Radovan Karadžić in einem Gerichtssaal im Internationalen Gerichtshof in Den Haag Bild: dpa

Das Massaker von Srebrenica war das größte Kriegsverbrechen in Europa nach 1945. An diesem Donnerstag fällt das UN-Kriegsverbrechertribunal sein Urteil über Radovan Karadžić. Er war der Architekt der „ethnischen Säuberungen“ in Bosnien.

          Es war Himbeerzeit, aber aus Kravica, wo es große Himbeerfelder gibt, war an diesem Tag nicht ein einziger Korb im Kühlhaus abgeliefert worden. Himbeeren vertragen ungekühlte Lagerung nicht lange, schon gar nicht bei Hitze, und im Juli 1995 war es sehr heiß in Kravica und den anderen Dörfern im Osten Bosniens. Jovan Nikolić, Direktor der „Vereinigung der landwirtschaftlichen Genossenschaften von Fakovići, Bratunac und Kravica“, machte sich Sorgen. Da er am Telefon niemanden erreichte, fuhr er am Abend nach Kravica, wo die Genossenschaft zwei große Lagerhallen besaß. Dort traf Nikolić einen seiner Landarbeiter mit einem Gewehr in der Hand, und es wurde ihm klar, warum Kravica keine Himbeeren geliefert hatte an diesem Tag: Die Lagerhallen waren voller Leichen. Es habe eine Schießerei gegeben, viele Tote, sagte der Arbeiter. Aus einer Halle waren noch immer Schüsse zu hören.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Direktor Nikolić sagte Jahre später aus, er sei an jenem Abend sofort nach Hause gefahren, habe sich aber gleich am nächsten Morgen wieder auf den Weg gemacht, denn die Himbeerernte ist eine delikate Sache, sie duldet keine Verzögerungen. Vor den Lagerhallen in Kravica habe sich ihm ein schrecklicher Anblick geboten: „Dort lagen viele Leichen. Ich habe bemerkt, dass am anderen Ende des Lagerhauses die Erschießungen immer noch weitergingen und dass Menschen liquidiert wurden.“ Die Opfer waren bosnische Muslime aus Srebrenica. Sie mussten sich auf den Boden legen, dann verpassten ihre Mörder ihnen „Impfungen“. Wer nach dem ersten Schuss noch lebte, erhielt eine „Zweitimpfung“. Die Mörder, die so sprachen, waren Angehörige der Ersten und Zweiten Rekrutenkompanie der Polizeischule Jahorina und Mitglieder eines Sondereinsatzbataillons der Polizei der Republika Srpska, der bosnischen Serbenrepublik. Wie viele Gefangene in den Hallen waren, ist nicht bekannt. In den Massengräbern der Umgebung wurden nach dem Krieg die Überreste von 1319 Personen identifiziert.

          Während Direktor Nikolic draußen mit Polizeioffizieren stritt, wie es nun mit der Himbeerernte weitergehen solle, erschossen Rekruten in den Hallen die letzten Überlebenden. „In groben Zügen ist der Ablauf der Ereignisse in Kravica unbestritten“, schreibt der Journalist Matthias Fink in seiner in jahrelanger Arbeit entstandenen Rekonstruktion des größten Kriegsverbrechens in Europa nach 1945. In seinem 2015 erschienenen, fast tausend Seiten starken Standardwerk „Srebrenica. Chronologie eines Völkermords“ heißt es, gegen fünf Uhr am Nachmittag des 13. Juli 1995 seien die beiden Hallen der Agrargenossenschaft in Kravica bereits überfüllt gewesen, als es einem Gefangenen gelungen sei, einem Polizisten die Kalaschnikow zu entreißen und ihn zu erschießen. Ein anderer Polizist eröffnete daraufhin das Feuer auf die Männer in der Halle, „und alle Polizisten im Umkreis schlossen sich ihm an und schossen mit ihren Kalaschnikows auf die Männer aus Srebrenica. Auch Handgranaten wurden geworfen, solange der Vorrat reichte, der in zwei Kisten bereitgestanden hatte.“

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