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Ukrainischer Ministerpräsident : „Das waren Profis, keine betrunkenen Gorillas“

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Der ukrainische Ministerpräsidenten Jazenjuk: Putin muss seine Agenten aus der Ukraine abziehen Bild: Yulia Serdyukova

Der ukrainische Ministerpräsident Jazenjuk sieht starke Beweise dafür, dass Russland den Raketenabschuss des malaysischen Passagierflugzeugs zu verantworten hat. Über die Indizien sprach er mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Der ukrainische Ministerpräsident Arsenij Jazenjuk beschuldigt Russland , hinter dem Abschuss des Passagierflugzeuges MH-17 zu stecken. Eine Kurzfassung des Interviews in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom 20. Juli lesen Sie hier.

          Herr Ministerpräsident, die amerikanische UN-Botschafterin sagt, wer immer Flug MH 017 mit 298 Menschen an Bord über der Ostukraine abgeschossen hat, hätte das nicht ohne Hilfe von Fachleuten tun können – und diese kämen möglicherweise aus Russland. Glauben Sie das auch?

          Als Ministerpräsident muss ich starke Beweise haben. Was ich aber sicher sagen kann, ist dies: Das Flugzeug wurde über einem Gebiet abgeschossen, das völlig von den Rebellen kontrolliert wird. Zweitens: Sämtliche Boden-Luft-Raketen der Ukraine sind anderswo stationiert. Wir sind bereit, hier Beweise und Standorte offenzulegen. Das ist über Satellit leicht zu prüfen. Auf dieser Welt kann man nichts verstecken. Drittens: Wir haben während unserer gesamten „Antiterroristischen Operation“ nie Raketen benutzt. Viertens: Diese Boden-Luft-Systeme kommen aus russischer Herstellung. Fünftens: Wir wissen, dass diese Systeme nicht von betrunkenen Gorillas bedient werden können. Hier ist sehr professionelles Personal nötig, um Ziele zu finden, und die Rakete abzufeuern. Möglicherweise könnten Leute dieser Art aus Russland gekommen sein.

          Was passiert also in der Ostukraine? Haben Sie einen Bürgerkrieg im Land oder einen Krieg gegen Russland?

          In meinem Land gibt es keinen Bürgerkrieg.

          Steht die Ukraine also im Krieg gegen Russland?

          Ich habe das schon vor ein paar Monaten gesagt. Die Ukraine steht in einem Krieg, der von Russland unterstützt und möglich gemacht worden ist. Das ist die richtige Definition.

          Was erwarten Sie vom Westen?

          Keine roten Linien mehr. Die haben schon so viele rote Linien überschritten. Zuerst auf der Krim und dann durch die Lieferung illegaler Waffen an diese Terroristen. Dies ist der Punkt für eine sehr harte Antwort der internationalen Gemeinschaft. Es ist höchste Zeit. Sie haben jetzt ein weiteres internationales Verbrechen begangen. Ein furchtbares internationales Verbrechen an 298 unschuldigen Menschen aus vielen Ländern der Welt. Und jeder in dieser Welt versteht, dass dies wegen der russischen Position und wegen der Unterstützung Russlands geschehen ist. Dies ist die Wahrheit.

          Sie sagen: Schluss mit dem Gerede über „Rote Linien“. Was also muss jetzt geschehen?

          Das kann ich Ihnen sagen. Putin hat seine Agenten vom Territorium der Ukraine abzuziehen. Er hat den Nachschub tödlicher Waffen zu stoppen. Er hat ihre Finanzierung zu stoppen und er hat sie öffentlich zu verurteilen. Das ist das beste Rezept, um die Situation zu entspannen. Und fünftens: Die Kontrolle über die ukrainisch-russische Grenze muss wiederhergestellt werden. Das ist mein Friedensplan.

          Was sollten Amerika, Deutschland, die EU oder die Nato tun? Erwarten Sie Geld, Waffen, härtere Sanktionen?

          Sie haben es genannt. Wir können mit dieser Lage alleine nicht zurechtkommen. Wir sind nicht so stark. Und dies ist nicht nur ein Konflikt zwischen der Ukraine und Russland. Nach dem Flugzeugabschuss vom Donnerstag ist dies ein internationaler Konflikt geworden. Finanzielle Hilfe, Militärhilfe, Sanktionen und Gespräche, das brauchen wir.

          Bis heute hat der Westen seine Militärhilfe für die Ukraine auf nicht-tödliche Ausrüstung beschränkt, auf Schutzwesten oder Verpflegung. Erwarten sie mehr? Erwarten Sie Waffen?

          Wir brauchen präzise Waffen, wir brauchen neue Waffen.

          Schon am 14. Juli wurde ein ukrainisches Transportflugzeug in großer Höhe abgeschossen. Wäre das nicht der Punkt gewesen, an dem der gesamte Luftraum gesperrt werden musste?

          Es gab keinen Grund, den Luftraum in Höhe von 10.000 Metern zu schließen. Wir haben alle unsere internationalen Partner gebeten, uns entsprechende Informationen zu geben, und wir haben nichts bekommen.

          Die Bevölkerung der russisch sprechenden Ost- und Südukraine, des Industriegebiets Donbass, hat wenig Sympathien für die Führung in Kiew. Haben Sie genug getan, um diese Menschen für die Ukraine zu gewinnen?

          Lassen Sie mich ein paar Mythen zerstören. Leute aus dem Donbass haben von Anfang an die Geschicke der Ukraine gelenkt. Und dann hat jemand die Legende geschaffen, dass die Regierung taub ist für das Donbass. Wie zur Hölle soll das möglich sein? Zweitens: Ich war im Donbass, mehrmals. Da wurden dann mehrere Fragen angesprochen: die russische Sprache, Dezentralisierung, die Übertragung von Macht an die Regionen. Wir sagten, schaut her, wir sind dazu bereit. Aber es scheint, dass niemand an solchen Reformen wirklich interessiert war.

          Es scheint, dass die Leute wegen dieser russischen Propaganda einfach die Richtung verloren haben. Gerade erst war ich wieder dort, in der Stadt Slawjansk, der gewesenen Hochburg der Terroristen. Mein Gefühl war: Sie mögen die Zentralregierung nicht – und wissen Sie: Vielleicht ist auch in Ihrem Land nicht wirklich jeder über die Zentralregierung glücklich. Aber sie hassen ganz klar diese ganzen Terroristen, diese „Volksrepubliken“ Donezk und Luhansk. Die Leute haben Angst, und sie waren glücklich, den Ministerpräsidenten zu sehen. Nicht weil sie uns mögen. Nein. Sie mögen uns nicht. Aber sie wollen ein wenig Sicherheit.

          Wäre es nicht eine noble Geste, den Menschen in diesen Regionen zu sagen, schaut, wir machen es wie die Schweizer oder die Belgier. Lasst uns zwei komplett gleichberechtigte Staatssprachen haben, Russisch und Ukrainisch?

          Noch so ein Mythos. In diesem Land kann jeder russisch sprechen. Wir haben alle Verfassungsgarantien für die russische Sprache. Schauen Sie sich die Verfassung an. Artikel 10. Die einzige Sprache außer dem Ukrainischen, die in der Verfassung genannt wird, ist die Russische.

          Der Konflikt mit Russland hat dazu geführt, dass Moskau die Gaslieferungen an Ihr Land gestoppt hat. Schaffen Sie es durch den nächsten Winter?

          Ohne Lieferungen aus dem Westen und ohne die Hilfe der EU schaffen wir das nicht.

          Was ist Deutschlands Rolle?

          Energiekommissar Oettinger hat viel getan, um diesen Konflikt zu lösen. Er hat versucht, eine Einigung herbeizuführen. Die EU hat der russischen Gasprom einen sehr lukrativen Vorschlag gemacht, und wir haben ihn unterstützt. Russland hat leider abgelehnt. Und zu Deutschland: Deutschland ist das Flaggschiff der EU, und Kanzlerin Merkel ist ein Stern in der Flagge der EU. Jeder schaut auf Deutschland. Viel hängt von Deutschland ab. Zu viel.

          (Das vollständige Interview lesen Sie in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom 20. Juli. Als Abonnent können Sie den Beitrag zudem im E-Paper oder in der Einzelausgabe im E-Kiosk, jeweils ab 20 Uhr schon am Vorabend lesen.)

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