https://www.faz.net/-gq5-7rsr9

Ukrainischer Ministerpräsident : „Das waren Profis, keine betrunkenen Gorillas“

  • Aktualisiert am

Bis heute hat der Westen seine Militärhilfe für die Ukraine auf nicht-tödliche Ausrüstung beschränkt, auf Schutzwesten oder Verpflegung. Erwarten sie mehr? Erwarten Sie Waffen?

Wir brauchen präzise Waffen, wir brauchen neue Waffen.

Schon am 14. Juli wurde ein ukrainisches Transportflugzeug in großer Höhe abgeschossen. Wäre das nicht der Punkt gewesen, an dem der gesamte Luftraum gesperrt werden musste?

Es gab keinen Grund, den Luftraum in Höhe von 10.000 Metern zu schließen. Wir haben alle unsere internationalen Partner gebeten, uns entsprechende Informationen zu geben, und wir haben nichts bekommen.

Die Bevölkerung der russisch sprechenden Ost- und Südukraine, des Industriegebiets Donbass, hat wenig Sympathien für die Führung in Kiew. Haben Sie genug getan, um diese Menschen für die Ukraine zu gewinnen?

Lassen Sie mich ein paar Mythen zerstören. Leute aus dem Donbass haben von Anfang an die Geschicke der Ukraine gelenkt. Und dann hat jemand die Legende geschaffen, dass die Regierung taub ist für das Donbass. Wie zur Hölle soll das möglich sein? Zweitens: Ich war im Donbass, mehrmals. Da wurden dann mehrere Fragen angesprochen: die russische Sprache, Dezentralisierung, die Übertragung von Macht an die Regionen. Wir sagten, schaut her, wir sind dazu bereit. Aber es scheint, dass niemand an solchen Reformen wirklich interessiert war.

Es scheint, dass die Leute wegen dieser russischen Propaganda einfach die Richtung verloren haben. Gerade erst war ich wieder dort, in der Stadt Slawjansk, der gewesenen Hochburg der Terroristen. Mein Gefühl war: Sie mögen die Zentralregierung nicht – und wissen Sie: Vielleicht ist auch in Ihrem Land nicht wirklich jeder über die Zentralregierung glücklich. Aber sie hassen ganz klar diese ganzen Terroristen, diese „Volksrepubliken“ Donezk und Luhansk. Die Leute haben Angst, und sie waren glücklich, den Ministerpräsidenten zu sehen. Nicht weil sie uns mögen. Nein. Sie mögen uns nicht. Aber sie wollen ein wenig Sicherheit.

Wäre es nicht eine noble Geste, den Menschen in diesen Regionen zu sagen, schaut, wir machen es wie die Schweizer oder die Belgier. Lasst uns zwei komplett gleichberechtigte Staatssprachen haben, Russisch und Ukrainisch?

Noch so ein Mythos. In diesem Land kann jeder russisch sprechen. Wir haben alle Verfassungsgarantien für die russische Sprache. Schauen Sie sich die Verfassung an. Artikel 10. Die einzige Sprache außer dem Ukrainischen, die in der Verfassung genannt wird, ist die Russische.

Der Konflikt mit Russland hat dazu geführt, dass Moskau die Gaslieferungen an Ihr Land gestoppt hat. Schaffen Sie es durch den nächsten Winter?

Ohne Lieferungen aus dem Westen und ohne die Hilfe der EU schaffen wir das nicht.

Was ist Deutschlands Rolle?

Energiekommissar Oettinger hat viel getan, um diesen Konflikt zu lösen. Er hat versucht, eine Einigung herbeizuführen. Die EU hat der russischen Gasprom einen sehr lukrativen Vorschlag gemacht, und wir haben ihn unterstützt. Russland hat leider abgelehnt. Und zu Deutschland: Deutschland ist das Flaggschiff der EU, und Kanzlerin Merkel ist ein Stern in der Flagge der EU. Jeder schaut auf Deutschland. Viel hängt von Deutschland ab. Zu viel.

(Das vollständige Interview lesen Sie in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom 20. Juli. Als Abonnent können Sie den Beitrag zudem im E-Paper oder in der Einzelausgabe im E-Kiosk, jeweils ab 20 Uhr schon am Vorabend lesen.)

Weitere Themen

Die Fortsetzung der Revolution

Wahlen in der Ukraine : Die Fortsetzung der Revolution

Die Ukrainer wählen an diesem Sonntag ein neues Parlament. Ihm werden voraussichtlich viele junge Menschen angehören, die sich bei einem Casting durchgesetzt haben – bei dem sie zur Probe „Gesetzentwürfe“ schreiben mussten.

Wer ist Boris Johnson? Video-Seite öffnen

Schillernd und umstritten : Wer ist Boris Johnson?

Der wirre Haarschopf ist unverkennbar: Boris Johnson liebt den großen Auftritt. Der Brexit-Hardliner ist eine der schillerndsten und umstrittensten Persönlichkeiten der britischen Politik.

Topmeldungen

Boris Johnson und die EU : Trotz allem – Partner

In Brüssel hat man Boris Johnson in unangenehmer Erinnerung behalten. Dennoch sollten die „Europäer“ ihm, wo immer möglich, die Hand reichen – nur zu einem nicht.
Laut Sebastian Kurz habe es sich bei der Datenvernichtung um einen „normalen Vorgang“ gehandelt.

Datenträger geschreddert : Kurz und der Reißwolf

Der damalige österreichische Bundeskanzler Sebastian Kurz ließ nach dem Platzen der Koalition mit der rechten FPÖ durch einen Mitarbeiter inkognito Daten vernichten. Warum?

Greta Thunberg in Paris : Macrons Worte sind ihr zu wenig

Für ihre kurze Rede erhält die Klimaaktivistin in der französischen Nationalversammlung viel Applaus, besonders aus Macrons Partei – obwohl Thunberg den Präsidenten zuvor kritisiert hat.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.