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Kessel von Debalzewe : Ausbruch über freies Feld

Gezeichnet: Ukrainische Soldaten ziehen sich aus Debalzewe zurück. Bild: Reuters

Die meisten ukrainischen Soldaten konnten dem Kessel von Debalzewe entkommen. So verhinderten sie ihre Gefangennahme. Allerdings soll der Blutzoll hoch gewesen sein. Die Soldaten flohen unter Beschuss über freies Feld.

          Nur zwei Optionen hatten die von Russland unterstützten Separatisten den schwer bedrängten ukrainischen Regierungssoldaten im Kessel von Debalzewe zugestehen wollen – Kapitulation oder Tod. Am Mittwoch haben die Belagerten nun einen dritten Weg gewählt: den Ausbruch unter Waffen. Die Operation begann kurz nach Mitternacht, und folgt man der Darstellung Kiews, war sie ein Erfolg, wenn auch möglicherweise ein blutig erkaufter. Die ukrainische Armee brach nach Norden aus, über freies Feld, entlang der Straße M 03 in Richtung der Stadt Artemiwsk. Präsident Petro Poroschenko teilte mit, in einer „geplanten und organisierten“ Abzugsbewegung sei es gelungen, 80 Prozent der etwa 2000 Eingeschlossenen aus dem Kessel zu befreien.

          Konrad Schuller

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Westliche Sicherheitsexperten in Kiew haben diese Darstellung am Mittwoch im Großen und Ganzen als plausibel angesehen, auch wenn Schätzungen zu hören waren, die graduell von den Angaben des Präsidenten abwichen. Von den etwa 3000 Eingeschlossenen, hieß es, seien etwa 50 bis 60 Prozent aus dem Kessel herausgeführt worden. Vom Rest fehlte jede Auskunft.

          Alles deutet dabei darauf hin, dass der Abzug nicht auf einen „Deal“ mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin zurückgegangen ist. Interviews mit entkommenen Soldaten, die am Mittwoch auf der Website der Zeitung „New York Times“ zu lesen waren, lassen eher auf eine verlustreiche Operation unter massivem Beschuss schließen. In Sicherheitskreisen wird deshalb vermutet, der „russische Plan“, die eingekesselten Ukrainer gefangen zu nehmen und den Streitkräften Kiews damit eine erniedrigende Niederlage zu bereiten, sei nicht aufgegangen. Was der Preis war, konnte am Mittwoch nicht abgeschätzt werden. Poroschenko sprach von „30 Verwundeten“. Eduard Basurin, ein militärischer Führer der Separatisten, nannte 300 Gefangene.

          Westliche Fachleute deuteten den Abzug der Ukrainer aus Debalzewe mit aller Vorsicht als einen Teilerfolg Kiews. Zwar sei die seit Monaten umkämpfte Stadt Debalzewe nun verloren, aber der ukrainischen Armee, die bisher ausgesprochen plump agiert und sich immer nur „eingegraben“ habe, sei es zum ersten Mal gelungen, eine großangelegte Truppenbewegung koordiniert zu Ende zu führen. Dazu gehöre nicht nur der Abzug der Belagerten, sondern auch die rechtzeitige Heranführung von etwa vier zusätzlichen Bataillonen, die den Abziehenden Artillerieunterstützung gegeben und damit einen „Flaschenhals“ geöffnet hätten.

          Auch politisch wird ein differenziertes Bild gezeichnet. Jeder Kenner der strategischen Lage, so heißt es, habe wissen müssen, dass Russland einer Waffenruhe im Donbass trotz aller Zusicherungen auf dem Papier so lange nicht zustimmen werde, wie es Debalzewe nicht in der Hand habe. Die Stadt und das Gebiet um sie herum rage wie ein Keil ins Separatistengebiet. Sie dominiere mehrere wichtige Landstraßen und einen zentralen Eisenbahnknotenpunkt. Ohne sie wäre es aus russischer Sicht deshalb schwer gewesen, die seit Frühjahr eroberten Separatistengebiete in Zukunft so zu stabilisieren, dass ein „Frozen Conflict“ – die beste realistische Aussicht für den Erfolg der jüngsten Waffenstillstandsabkommen – auch wirklich „eingefroren“ bleibe. Militärische Ausrüstung, aber auch Materialien für einen künftigen Wiederaufbau der zerstörten Region hätten ohne diesen Knotenpunkt kaum transportiert werden können.

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