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Gefangene Pilotin : Kiews Heldin seit einem Jahr in russischer Haft

Besorgte Mutter Maria Sawtschenko: Sie will ihre Tochter aus den Händen der Russen befreien. Bild: Matthias Lüdecke

Die Pilotin Nadja Sawtschenko kämpfte in der Ostukraine gegen Separatisten. Dann fiel sie in die Hände der Russen und ist seitdem eine Kriegsgefangene. In Berlin kämpft ihre Mutter darum, sie wieder zu sehen.

          Maria Sawtschenko hat hellblaue Augen, die umrahmt sind von einem von Falten durchzogenen Gesicht. Sie trägt eine bestickte Bluse und ein einfaches schwarzes Kleid. Ihr 77 Jahre langes Leben hat sie in einem kleinen Ort im Gebiet Schitomir im Norden der Ukraine verbracht, etwa 120 Kilometer westlich von Kiew.

          Markus Wehner

          Politischer Korrespondent in Berlin.

          Seit einem Jahr hat sich ihr Leben verändert. Sie war in Moskau, in New York und ist gerade, auf Einladung des Mauermuseums am Checkpoint Charlie, zum zweiten Mal in Berlin. Und sie schläft schlecht. Die einfache Frau ist in die Weltpolitik geraten, so wie ihre Heimat insgesamt. Aber noch viel mehr.

          Der Grund ist ihre Tochter: Nadja Sawtschenko, 34 Jahre alt, Pilotin, Oberleutnant der Ukrainischen Streitkräfte. Als der Krieg im Donbass losbrach, wollte sie an die Front versetzt werden. Schließlich hatte sie 2005 schon im Irak Kampferfahrung gesammelt. Doch der Einsatz wurde ihr nicht gestattet.

          Gefangenschaft in Moskau

          Nadja Sawtschenko nahm Urlaub und schloss sich einem Freiwilligenverband an. Vor einem Jahr, am 17. Juni 2014, geriet sie bei Luhansk in Gefangenschaft der Separatisten. Sie wurde nach Russland verschleppt, zunächst in die Stadt Woronesch, dann nach Moskau gebracht. Die russische Justiz behauptet, sie sei die fast 500 Kilometer nach Woronesch geflohen.

          In Moskau sitzt Sawtschenko seitdem in Untersuchungshaft. Russland beschuldigt sie, einen Mörserangriff auf eine Artillerieposition der Separatisten koordiniert zu haben. Bei dem Angriff kamen am 17. Juni 2014 zwei russische Journalisten ums Leben, Igor Korneljuk und Anton Woloschin. Die russische Justiz wirft Sawtschenko Beihilfe zum Mord vor.

          Ihre Anwälte bestreiten die Vorwürfe. Sie sei um 10 Uhr 44 gefangen genommen worden, die Journalisten erst nach 11 Uhr am Ort des Angriffs erschienen, so ihr Anwalt Ilja Nowikow. Zuletzt wurde die Untersuchungshaft bis zum 30. September verlängert. Die Ermittlungen der russischen Justiz gehen weiter, unter anderem wegen des Vorwurfs des Völkermords.

          Spielball der Krisendiplomatie

          Der Fall Sawtschenko ist längst zum Politikum nationalen Rangs geworden, in der Ukraine wie in Russland. In ihrer Heimat ist die Pilotin eine Heldin, ein Symbol des Widerstands gegen die russische Tyrannei. Das Foto der Frau mit dem Kurzhaarschnitt ist an vielen Orten zu sehen. In Russland hingegen ist sie die „Mörderin im Rock“.

          Verehrt in der Ukraine: Eine Demonstrantin fordert die Freilassung von Nadja Sawtschenko.

          In der Ukraine wurde sie im Oktober 2014 in Abwesenheit zur Abgeordneten der Rada, des ukrainischen Parlaments, gewählt, für die Partei der früheren Ministerpräsidentin Julija Timoschenko. Die Ukraine entsandte Sawtschenko in die Parlamentarische Versammlung des Europarats, verlangte, dass Russland ihr Immunität vor Strafverfolgung gewährt. Moskau lehnte das ab.

          Der Fall ist längst Thema der internationalen Krisendiplomatie. Das Schicksal der Pilotin wurde beim Gipfel zwischen der EU, Ukraine und Russland in Minsk am 11. und 12. März dieses Jahres besprochen – zunächst indirekt, als der ukrainische Präsident Petro Poroschenko und Wladimir Putin über den Gefangenenaustausch verhandelten. Die Ukraine verlangte, dass der Austausch auch für inhaftierte Ukrainer in Russland gelten solle.

          Russland lehnt Gefangenenaustausch ab

          Putin lehnte das kategorisch ab. Poroschenko musste schließlich zähneknirschend akzeptieren, dass der Austausch nur für Gefangene auf dem Gebiet der Ukraine gelten würde, also nicht für Sawtschenko. Außenminister Steinmeier schlug Putin in Minsk vor, dass deutsche Ärzte im Zuge einer humanitären Mission sich ein Bild vom Gesundheitszustand von Sawtschenko machen könnten. Die befand sich damals schon mehr als zwei Monate im Hungerstreik.

          Von russischen Ärzten wollte sie sich nicht untersuchen lassen. Putin stimmte dem Vorschlag zu. Schon drei Tage später untersuchten zwei Ärzte der Berliner Charité Sawtschenko zum ersten Mal, dann noch einmal am 4. März. Sie befanden ihren Gesundheitszustand als relativ gut. Die russische Seite gab das, entgegen der vereinbarten Vertraulichkeit, bekannt. Versuche, einen Austausch Sawtschenkos gegen russische Offiziere, die in der Ukraine gefangen gehalten werden, zu organisieren, hatten bisher keinen Erfolg. Russland lehnt das ab.

          Maria Sawtschenko kämpft derweil ihren eigenen Kampf. Sie ist keine Diplomatin. Sie war in Moskau beim Gerichtstermin, doch die russische „Polizei“ habe sie abgeführt, als sie ihrer Tochter, die in einem Käfig im Gerichtssaal stand, die Hand geben wollte. Sie hat Briefe geschrieben, an Angela Merkel, die sie lobt, und zwei an Wladimir Putin, den letzten per Einschreiben.

          Eine Antwort hat sie von ihm nicht bekommen. Dass ihre Tochter eine Heldin in der Ukraine ist und Orden bekommen hat, findet sie nicht schlecht. Aber eine Heldin im Gefängnis? „Mir ist wichtig, dass ich sie wieder in die Arme schließen kann“, sagt die Mutter.

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