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Ukrainischer Außenminister im Interview : „Wir bezahlen dafür, dass wir Freiheit wollen“

  • Aktualisiert am

Gesprächsbereit: Außenminister Pawlo Klimkin Bild: picture alliance / Katrin Bruder

Pawlo Klimkin spricht sich gegen einen Vormarsch auf die besetzte Millionenstadt Donezk und für Gespräche mit den Separatisten aus. Das Ziel ist es, den Menschen wieder ein normales Leben zu ermöglichen.

          5 Min.

          Die ukrainische Armee hat die prorussischen Rebellen im Donbass aus ihrer Hochburg Slawjansk verdrängt. Jetzt fürchten viele, ein weiterer Vormarsch auf die besetzte Millionenstadt Donezk könne in ein Blutbad führen.

          Vorher hatten wir versucht, mit einem einseitigen Waffenstillstand etwas zu erreichen, aber die Terroristen haben ihn in mehr als 100 Fällen gebrochen. Wir haben einen hohen Preis bezahlt: 30 Tote und mehr als 100 Verletzte. Und wenn Sie sich unsere Offensive genau ansehen: Die Idee war, den Menschen wieder ein normales Leben möglich zu machen.

          Verteidigungsminister Walerij Heletej wurde mit den Worten zitiert, die Rebellen hätten beim Abzug schwere Verluste an Menschen und Material erlitten.

          Es geht aber auch darum, dass ebenso viele Menschenleben ausgelöscht wurden, weil die Separatisten unseren Waffenstillstand immer wieder gebrochen haben. Lassen Sie uns die Lage in Slawjansk einmal analysieren. Man konnte vor dem Einzug unserer Truppen in den Läden nichts mehr kaufen. Terroristen kontrollierten die Stadt. Es gab fast 50 Geiseln, und es war unglaublich, in welchem Zustand sich diese befanden. Einige hatten seit zwei Tagen nichts mehr gegessen. Und deswegen sage ich: Unser Ziel war, wieder normales Leben möglich zu machen.

          Aber es war doch gerade die Blockade von Slawjansk durch die ukrainische Armee, die dazu geführt hat, dass über Wochen Strom, Gas und Wasser ausfielen.

          Das reparieren wir jetzt. Die Elektrizität ist schon da.

          Zwei Drittel der Bevölkerung sind während der wochenlangen Kämpfe geflohen. Droht nicht eine noch viel größere Katastrophe, wenn so etwas mit der Millionenstadt Donezk passiert?

          In Donezk gibt es zwar ein paar tausend separatistische Söldner, aber im Vergleich zur Bevölkerung selbst sind sie eine ganz kleine Minderheit. Deswegen werden wir Donezk auch nicht angreifen. Wir sind bereit, mit den Separatisten zu sprechen, aber wir können sie nicht dafür gewinnen. Jetzt habe ich eine Videokonferenz vorgeschlagen, aber auch dazu sind sie nicht bereit.

          Gilt die Formel noch, dass Sie mit keinem verhandeln, der Blut an den Händen hat? Das würde wichtige Rebellenkommandeure wie Igor Girkin ausschließen.

          Wir sind bereit, mit allen zu verhandeln, die keine schweren Verbrechen begangen haben. Girkin hat sowieso nicht an Verhandlungen teilgenommen. Aber es gab Gespräche mit Leuten wie Alexander Borodaj, dem sogenannten Ministerpräsidenten der Donezk-Republik.

          Der deutsche Außenminister Frank-Walter Steinmeier hat den Regierungstruppen zu ihrem Vorstoß nicht gratuliert, sondern festgestellt, eine „rein militärische Lösung des Konflikts“ könne es nicht geben. Setzen Sie mit Ihrer Offensive die Unterstützung des Westens aufs Spiel?

          Nein, überhaupt nicht, und ich würde das auch nicht eine Offensive nennen. Der Westen sieht, dass durch unsere Maßnahmen das Leben vor Ort besser wird. Wasser und Strom fließen wieder. Man kann in normalen Geschäften einkaufen, und man muss nicht jedes Mal für die Terroristen eine Abgabe leisten.

          Was ist die Rolle Russlands?

          Wir brauchen von Russland nicht nur Worte, sondern auch Taten. Wir brauchen Druck auf die Separatisten. Wir brauchen Fortschritte in der Frage der Geiseln, bei der Präsenz der OSZE und bei der Kontrolle der russisch-ukrainischen Grenze, weil über die Grenze Söldner und alles Mögliche sonst noch in unser Land kommen.

          Ist das immer noch so?

          In den vergangenen Tagen haben wir die Grenze besser in den Griff bekommen, aber es gibt immer noch viele Möglichkeiten, etwas zu uns ins Land zu bringen. Die Terroristen haben Panzerfahrzeuge aus Russland hereinschmuggeln können. Eine Kalaschnikow können sie in der Ukraine auf dem Schwarzmarkt kaufen, keine Frage. Aber können Sie bei uns auch einen Panzer irgendwo an der Ecke kriegen? Oder Luftabwehrraketen? Das glaube ich nicht.

          Russland hat die Bitten der bedrängten Separatisten um eine Intervention bisher nicht erhört. Ist das ein Zeichen des Entgegenkommens?

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