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Ukrainekonflikt : Von wegen Waffenruhe

Nun geht es wieder los. Vor einer Woche äußerte sich Philip Breedlove, zugleich Oberbefehlshaber der Nato und der amerikanischen Streitkräfte in Europa: „Wir sehen weiterhin, wie besorgniserregende Teile der Luftverteidigung, Nachschub für Kommando- und Kontrolleinrichtungen und andere Ausrüstung über eine vollständig löchrige Grenze kommen.“ Er berief sich auf Informationen aus dem Auswertungszentrum der Nato. Auch Hodges, Breedlove direkt unterstellt, ist alarmiert: „Sie holen mehr gepanzerte Fahrzeuge herein.“ Im Klartext: In der Ostukraine wird nicht abgerüstet, es wird aufgerüstet.

Amerikanischer General erwartet  Invasion über den Seeweg

Deutsche Sicherheitskreise äußern sich vorsichtiger. Die Separatisten hätten in der Schlacht von Debalzewe viele Gefechtsfahrzeuge erbeutet, deshalb seien sie nun schlagkräftiger als zuvor. Die Deutschen sind auch zurückhaltender als die Amerikaner, was reguläre russische Einheiten in der Ostukraine angeht – man habe dafür keine Beweise. Aber sie teilen eine Sorge, die Hodges und seine Leute umtreibt: Der nächste große Angriff dürfte auf Mariupol zielen, die Stadt mit 450.000 Einwohnern am Asowschen Meer. Die Separatisten haben das schon mehrfach angekündigt. Sie haben dort Kräfte zusammengezogen, zwanzig Kilometer östlich vom Stadtzentrum – ebenso wie die Ukrainer auf der anderen Seite. Deshalb die täglichen Gefechte.

Mariupol ist von strategischer Bedeutung. In der Stadt gibt es zwei gigantische Stahlwerke, die mit der Kohle aus dem Donezker Becken befeuert werden. Ein Teil des Stahls wird direkt weiterverarbeitet beim größten ukrainischen Maschinenbauer Asowmasch. Der andere Teil wird über den Tiefseehafen der Stadt verschifft. Wer den Donbass kontrollieren und halbwegs auf eigene Beine stellen will, braucht Mariupol. Umgekehrt wäre es ein schwerer Schlag für die Ukraine, würde sie nach Sewastopol und Kertsch auf der Krim auch noch diesen Hafen verlieren.

Ben Hodges, der amerikanische Heeres-General, geht davon aus, dass die Rebellen Mariupol niemals allein erobern können. Sie brauchen massive russische Unterstützung, mehr noch als bei der Schlacht um Debalzewe. Insgesamt vielleicht 30.000 Mann – so viele Kämpfer waren bisher maximal im gesamten Separatistengebiet im Einsatz. Hodges rechnet mit einer Invasion über den Seeweg, die Russen könnten Marineinfanteristen einsetzen, wie bei ihrer Eroberung der Krim. Noch gebe es dafür keine Anzeichen, sagt der General, aber gerade hätten diese Einheiten ein großes Manöver in der Region abgehalten.

Russland würde offen zur Kriegspartei

Eine Schlacht um Mariupol, ein Häuserkampf Block um Block, würde alles in den Schatten stellen, was bisher in der Ostukraine geschah. Russland könnte seine Beteiligung nicht mehr verleugnen, es würde offen zur Kriegspartei. Das Minsker Abkommen wäre erledigt – und die EU würde mit ziemlicher Sicherheit ihre Sanktionen nicht nur verlängern, sondern massiv verschärfen. Damit muss der russische Präsident kalkulieren, den Vorzug einer Eroberung Mariupols abwägen mit den wirtschaftlichen Folgen für sein Land.

Manche Strategen glauben, dass Mariupol nur der Auftakt wäre – für einen Durchstoß bis zur Krim. Die Russen müssten dann einen Korridor erobern, der 400 Kilometer lang und mindestens siebzig Kilometer breit ist. Die Geographie käme ihnen entgegen; der Dnjepr würde im Westen eine natürliche Grenze bilden. Aber die Bevölkerung in diesem Gebiet, etwa zwei Millionen Menschen, wäre den Besatzern wenig gewogen; nur ein Drittel ist russischer Herkunft. Auch militärisch wäre es ein gewaltiges Unterfangen: Um das Gebiet zu halten, müsste Russland wohl mindestens 40.000 Mann dort stationieren – Soldaten, die dann andernorts fehlen.

Hodges will nicht darüber spekulieren, was genau die Russen vorhaben, auch nicht darüber, was die Amerikaner tun sollten. In Washington hat der Kongress gerade den Präsidenten aufgefordert, den Ukrainern „Verteidigungswaffen“ zu liefern. Der General zieht einen Laser Pointer aus der Hosentasche. Der Lichtstrahl zeigt auf eine Karte an der Wand. Er wandert über die Krim und die russische Küste am Asowschen Meer. „Wir behalten dieses Gebiet genau im Auge“, sagt Hodges.Obama zögert noch. Denn die Lage ist heikel: Jeder amerikanische Schritt verändert das russische Kalkül, so oder so.

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