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Ukraine : Das staubige Reich der Oligarchen

Bild: Lina Schuller, Alexander Tetschinski

Im ostukrainischen Donbass wächst die Wut auf die alten Eliten. Der Versuch der neuen Regierung, sich mit den Oligarchen zu verbünden, droht zu scheitern.

          Aus Donezk hinaus werden die Straßen schnell schlechter. Die Stahlmetropole der Ostukraine begleitet den Weg noch ein Stück weit mit ihren Blocks und Abraumhalden, mit ihren Bergwerken, Stahlwerken, Kraftwerken, aber das glitzernde Zentrum mit seinen vergoldeten Oligarchenpalästen ist schnell versunken, und mit ihm die russischen Fahnen auf dem Leninplatz, wo sie nach Russland rufen, nach Putin und der Sowjetunion.

          Konrad Schuller

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Es geht durch Charzysk hinaus (ein Röhrenwerk des Milliardärs Rinat Achmetow und drum herum ein paar Plattenbauten), dann nach Sujewka, einer Bergmannssiedlung aus Staubpisten mit krummen Hütten und dreibeinigen Hunden. Die Grube „Kommunist“, um die hier einmal alles ging, ist längst geschlossen, aber die Leute erzählen, dass in Wahrheit tief unten die Frauen immer noch Kohle hacken. Das ist zwar streng verboten, aber wer will schon wählerisch sein, wenn es sonst keine Arbeit gibt.

          Dutzende illegale Minen

          Auch Sascha kann nicht wählen. Er ist ein bemerkenswerter Anblick, wie er hier draußen steht, auf offenem Feld, oder besser: in dieser offenen Mondlandschaft des Donbass, mit ihren spitzen roten Abraumhalden, die am Horizont wie kleine Vulkane aussehen, mit ihren von Baggern zerfurchten Hügeln und Tälern. Sascha ist wohl Mitte fünfzig. Hände, Pullover, Gesicht sind grau vom Kohlenstaub, und jetzt steht er nur da und grinst. Eine illegale Kohlengrube? – I wo. Und dieser offensichtlich gerade erst angelegte Stollen, schräg hinunter zum Flöz? Der motorgetriebene Seilzug? Die zwei zerbeulten Badewannen, die gerade am Kabel über die schräge Piste aus der Tiefe hochkommen, randvoll mit glänzender Kohle? – Sascha grinst immer noch. „Ich gehe hier nur spazieren. Wird doch wohl noch erlaubt sein.“ Seine Zähne glänzen weiß aus dem Grau. Dann, als erschrecke ihn die Dreistigkeit seiner eigenen Lüge, fügt er noch hinzu: „Und wissen Sie was? Dieses Volk ist 20 Jahre lang geplündert worden, und es wird weiter geplündert werden. Weil wir immer nur stillhalten und uns verstecken. Soll ich Ihnen noch mehr sagen?“

          „Ich gehe hier nur spazieren“ bezeichnet Sascha seine Arbeit auf einer illegalen Kohlenabraumhalde im ostukrainischen Donbass Bilderstrecke

          Wie dieses Plündern geht, kann Wladimir Wygonnij erzählen. Wladimir, ein drahtiger Mann um die sechzig, ist zwar eigentlich Umweltaktivist, aber mit seinem Tarnanzug und seinem wettergegerbten Gesicht sieht er aus wie ein pensionierter Sergeant der Fallschirmjäger. Er kennt alle illegalen Gruben hier, die offenen Tagebaue genauso wie diese schrägen Schächte mit den Seilzügen, und er kämpft gegen sie, wenn auch ohne viel Erfolg, weil hier ja alle unter einer Decke stecken. Nach seiner Darstellung geht dieser Betrug so: Irgendein Oligarch mit guten Beziehungen zum Staat wirbt ein paar arbeitslose Bergleute an, Männer wie diesen Sascha mit seinen Witzen.

          Die malochen dann in ihren Maulwurfslöchern, ohne Schutz, ohne Rechte und Sicherheitsvorkehrungen, rund um die Uhr bis zum Umfallen, für zehn Euro am Tag. Die gewonnene Kohle, billiger als jedes legale Bergwerk sie je fördern kann, wird dann in eine staatliche Grube geschmuggelt und zu „legaler“ und damit viel teurerer Ware umdeklariert. Zusätzlich kassiert der jeweilige Oligarch dann noch eine Staatssubvention für jede „legalisierte“ Tonne. Das Geschäft ist für seine Organisatoren praktisch risikolos, und wenn eine „Kopanka“ (so heißen die wilden Gruben) mal einbricht, werden die Toten einfach drin liegen gelassen. Erst im vergangenen Sommer, sagt Wladimir, habe man gleich fünf zerschmetterte Leichname gefunden.

          Ein Fundament aus Betrug und Ausbeutung

          Wer am Ende kassiert, weiß keiner wirklich zu sagen. Ein Blick in die Landschaft bei Sujewka aber gibt Hinweise: Hier arbeitet nicht nur eine einzige Kopanka, sondern gleich ein Dutzend, ganz offen, ohne jede Tarnung, alle ähnlich in der Anlage, offenbar aus einem Guss geplant. Wer immer das hier organisiert hat, muss sich ziemlich sicher gefühlt haben. Wladimir, der zerfurchte Umweltsergeant hat daraus seinen eigenen Schluss gezogen: Ohne die „Familie“ wäre das nie gegangen, ohne den Privatclan um den gestürzten Präsidenten Viktor Janukowitsch, der hier im Donbass seine Machtbasis hatte und der jetzt, seit seiner Flucht, von Russland aus versucht, die Fäden zu ziehen.

          Seit aber Janukowitsch und sein Clan fort sind, hat das scheinbar für Ewigkeiten gedachte Fundament aus Betrug und Ausbeutung, auf das die Oligarchen ihre Macht hier seit jeher stützen, Risse bekommen. Zornige Menschen ziehen durch Donezk, die Regionalhauptstadt jenseits der Abraumhalden, sie stürmen öffentliche Gebäude, sie besetzen den Leninplatz – und sie schwingen die Fahne Russlands. Erst am Wochenende hat es hier wieder prorussische Demonstrationen gegeben. Mindestens fünftausend Menschen und vielleicht noch deutlich mehr waren auf den Straßen. Man sah die üblichen jungen Männer, aber dann auch ganze Familien, Frauen und Männer jeden Alters und offenbar viel stärker erfüllt von authentischem Zorn, als dass man ihr Auftreten allein durch Moskauer Machinationen und Demonstrationstourismus erklären könnte.

          Fremdheit und lang unterdrückter Zorn

          Zwei sehr unterschiedliche Motivationen schienen bei den Aufmärschen vom Wochenende zusammenzufallen. Zunächst gehört ein „russophiles“ oder „prosowjetisches“ Element immer schon zum psychologischen Wurzelboden des Donbass, eines russisch sprechenden Herzlandes der Stalinschen Industrialisierung. Diese Grundstimmung war immer verbunden mit einer deutlichen Fremdheit gegen die heute in Kiew dominierende Westukraine, wo Ukrainisch gesprochen wird und antirussische Gefühle tiefe historische Wurzeln haben. Das russische Propagandaklischee von den westukrainischen „Faschisten“ wird deshalb von vielen ohne Weiteres geglaubt.

          Nach Janukowitschs Sturz aber ist ein neues Element hinzugekommen. Seit dem Tag, an dem das ukrainische Publikum zum ersten Mal einen Blick in die Paläste, Lustgärten und goldenen Toilettenschüsseln der gestürzten Seilschaft werfen konnte, macht sich ein lange unterdrückter Zorn gegen die Leute dieses Führers Luft, gegen die Stahl- und Kohlebarone des „Donezker Clans“. Der Leitwolf ist fortgelaufen, wie ein kleines Mädchen, wenn jemand „Buh“ ruft. Seine Männer aber, die jählings reich gewordenen postsowjetischen Multimillionäre, die nach den Gangsterkriegen der neunziger Jahre die Gruben und Hütten des Donbass erbeutet haben, haben ihren Nimbus verloren. Früher hat man sie wegen ihrer Brutalität gefürchtet. Man hat ihre Härte bewundert, und man hat stillgehalten, weil von ihren Tischen immer wieder Almosen fielen. Jetzt aber, wo das Gebäude ihrer Macht wackelt, erregen sie nicht mehr Ehrfurcht, sondern kalte Wut.

          Wut und Ressentiments

          Weil die Oligarchen aber in den letzten Tagen versucht haben, sich mit der neuen Macht in Kiew zu arrangieren, weil Interimspräsident Oleksandr Turtschinow zwei von ihnen im Osten sogar zu Gouverneuren gemacht hat, fällt diese neue Wut nun in eins mit dem traditionellen Ressentiment des „russischen“ Ostens gegen den „ukrainischen“ Westen. Der lange eher diffuse Antiukrainismus des Ostens hat damit im neuen Hass gegen die milliardenschweren „Gangster“ an der Spitze des Donezker Clans einen neuen Kristallisationspunkt gefunden. Beide Gefühle verstärken einander.

          Der Versuch der neuen Kiewer Führung, durch ein überraschendes Bündnis mit den alten Revierkönigen das Donbass in den Griff zu bekommen, scheint vor diesem Hintergrund nicht sehr erfolgversprechend. Jedenfalls haben die prorussischen Demonstranten der letzten Tage immer wieder neben antiukrainischen auch antioligarchische Parolen skandiert, und am Sonntag schien es für kurze Zeit sogar, als seien sie drauf und dran, unter dem Ruf „Achmetow – Feind des Volkes“ das „Donbass Palace“ zu stürmen, das von Marmor und Blattgold geschmückte Prunkhotel des Multimilliardärs Rinat Achmetow, dessen Wort hier bis vor kurzem noch Bibel und Grundgesetz in einem war.

          Getarnt als Touristen

          All das zusammen hat den prorussischen Demonstrationen des vergangenen Wochenendes eine neue Brisanz gegeben. Kiew haben die Leute hier nie vertraut, und den Oligarchen wollen viele jetzt nicht mehr folgen – so bleibt als Fluchtpunkt nur noch Moskau. „Donbass-Rossija“ ist deshalb am Wochenende der Schlachtruf des Tages gewesen. Tausende haben ihn in Donezk skandiert, am Leninplatz, vor dem Palast des Gouverneurs und vor dem Sitz des Geheimdienstes SBU. Proeuropäische Intellektuelle, die es im Donbass durchaus auch gibt, sagten zwar, die meisten dieser Menschen seien als „Touristen“ getarnt aus Russland angekarrt worden, aber wer Augen hatte, zu sehen, konnte erkennen, dass hier jenseits jeder möglichen Manipulation auch eine Authentizität im Spiel war, die durch bloßes Strippenziehen nicht zu erklären wäre. Diese Leute schienen nicht einfach nur ferngesteuert. Im Gegenteil: Viele der Demonstranten, die am Sonntag mit russischen Fahnen durch Donezk zogen, schienen einem eigenen Grundimpuls zu folgen, der jeder Führung voraus war. Jedenfalls war mehr als nur einmal zu sehen, dass die schnell wachsende Menge sich in Ermangelung jeder effektiven Führung richtungslos staute und teilte, dass der breite Menschenzug ziellos umherirrte, sich vor öffentlichen Gebäuden bedrohlich ballte und wieder zerfloss, als habe er niemanden, der Befehle gebe.

          Im Donbass ist vieles im Fluss. In den letzten Tagen ist ein selbsternannter prorussischer „Volksgouverneur“ mit einer Leidenschaft für zaristische Prunkuniformen zuerst von der Menge gefeiert und dann sang- und klanglos verhaftet worden. Zugleich wurde eine ebenso starke wie überraschende „proeuropäische“ Gegenbewegung spürbar, die gegen Sezession oder Anschluss an Russland und für die Einheit des Landes demonstrierte und an manchen Tagen ebenfalls Tausende mobilisierte. Die Gespaltenheit der Stadt ging dabei manchmal bis hinein in die einzelne Person. Man hat an diesem Wochenende prowestliche Demonstranten für die Einheit der Ukraine getroffen, die zugleich die „europäische Integration“ ablehnten. Auf der anderen Seite fanden sich unter wehenden russischen und sowjetischen Bannern Omas und Opas, die offen bekannten, dass sie auch für die Ukraine kämpfen würden, wenn in diesem Land nur irgendeine Aussicht auf ein sicheres Auskommen bestünde – wie damals in der von goldener Erinnerung umstrahlten Sowjetunion, als alle noch jung waren und angeblich alle Arbeit hatten, dazu Kohl und Grütze so viel das Herz begehrte.

          Und Sascha, der kluge graue Clown draußen an den illegalen Gruben, was hat er für eine Meinung? – Sascha grinst und blinzelt, und seine paar verbliebenen Zähne glänzen durch den matten Kohlenstaub. „Wer gibt schon was darauf, was ich für eine Art von Meinung habe?“, sagt er dann. Und nach einer Pause: „Also: Ich meine, wenn einer eine Milliarde hat, solle er auch sagen, wo er sie hergenommen hat.“ Ansonsten sei es halt ganz einfach so: „Die Clans kämpfen eben gegeneinander, und die Politiker hetzen die Leute aufeinander. Wie man Hunde aufeinander hetzt. Das sagt ihnen jeder normale Mensch. – Ansonsten“, fügt er dann noch hinzu, „gehe ich hier ja nur spazieren.“

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