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Ukraine-Krise : Separatisten geben Slawjansk auf

Zielscheibe der Gewalt: Wohngebiete in Slawjansk
Zielscheibe der Gewalt: Wohngebiete in Slawjansk : Bild: REUTERS

Mehr als die Hälfte der Bewohner sind offenbar geflohen. Nach Auskunft der Gesundheitsverwaltung im Gebiet Donezk, zu dem Slawjansk gehört, befanden sich zu Beginn dieser Woche von ursprünglich 116.000 Einwohnern nur noch 45.000 am Ort. Augenzeugen berichteten, Slawjansk wirke wie eine „Geisterstadt“. Nach Angaben eines Sprechers der ukrainischen Streitkräfte waren die Kämpfe am Freitag vor allem rings um den Vorort Mykolajiwka weitergegangen.

Schon am  Donnerstagabend war über Slawjansk eine gewaltige schwarze Rauchwolke zu sehen. Die Agentur Interfax berichtete, die Kohleaufbereitungsanlage eines städtischen Kohlekraftwerks sei beschädigt worden, ebenso wie ein Tank mit 2000 Tonnen Öl. Im Kraftwerk sei Feuer ausgebrochen.

Im städtischen Lenin-Krankenhaus ist die Versorgung von Patienten offenbar kaum noch möglich. Über eine der wenigen Telefonverbindungen, die gelegentlich noch zustande kommen, sagte der Arzt Michail Adrianow der F.A.Z. am Donnerstag, für die Notstromaggregate des Krankenhauses seien nur noch wenige Liter Treibstoff übrig, so dass man Elektrizität nur noch für Operationen nutze. Die Blutreserven drohten zu verderben, weil die Kühlung ausfalle.

Zugleich sei wegen der anhaltenden Flucht aus der Stadt nur noch ein Zehntel des Personals verfügbar. Während der vergangenen beiden Tage seien infolge des permanenten Beschusses vier Tote, sechs Schwerverletzte und zehn Leichtverletzte zu ihm gebracht worden. Wie viele Opfer es in dieser Zeit insgesamt gegeben habe, wisse er nicht, da möglicherweise manche Toten unter den Trümmern liegen blieben oder direkt bestattet würden. Er selbst stehe nach wochenlanger Anspannung vor dem physischen Zusammenbruch. Am Freitag war der Arzt telefonisch nicht mehr zu erreichen.

Zehntausende Flüchtlinge

In den umgebenden Ortschaften sammeln sich unterdessen Tausende, nach manchen Schätzungen sogar Zehntausende von Flüchtlingen. Bewohner von Slawjansk, die in Isjum eintrafen, berichteten, in der Stadt seien zahlreiche Wohnhäuser von Geschossen zerstört worden. Manche zeigten Fotos von Granatsplittern und beschädigten Häusern. Sie erzählten, die prorussischen Rebellen versuchten, der akuten Versorgungskrise in der Stadt Herr zu werden, indem sie Tüten mit Nahrung verteilten oder die verbliebenen Einwohner in Kantinen versorgten. Weil es kein Leitungswasser gebe, versuche man, die Menschen über Tankwagen oder aus Brunnen zu versorgen, an denen sich regelmäßig Schlangen mit „Tausenden“ von Wartenden bildeten.

Slawjansk war Anfang April von Aufständischen eingenommen worden und seither von Regierungstruppen umstellt. Die Flüchtlinge berichten, ihre Leidenszeit habe Anfang Mai begonnen. Wer für den Beschuss von Wohngebieten verantwortlich ist, bleibt allerdings unklar. Die Rebellen behaupten, die Kiewer Regierung terrorisiere die Zivilbevölkerung bewusst durch systematisches Bombardement.

Kiew antwortet, die Separatisten unter der Führung des russischen Staatsbürgers Igor Girkin (Kampfname: „Strelkow“) seien immer wieder dabei beobachtet worden, wie sie sich ukrainischen Stellungen näherten, um von dort selbst in die Stadt zu schießen. Dadurch solle die Regierung diskreditiert werden. Überdies feuerten die Rebellen immer wieder aus Wohngebieten heraus auf die Armee, um so Gegenschläge zu erschweren.

Ein Bewohner von Slawjansk, der evangelische Geistliche Petro Dudnik, sagte in Isjum, er habe so einen Fall selbst beobachtet. Rebellen hätten aus einem Wohngebiet heraus die Regierungstruppen außerhalb der Stadt mit einem Geschütz des Typs Nona beschossen und danach sofort das Weite gesucht. Kurz darauf seien als Antwort der Armee Geschosse in der umliegenden Wohnstraße eingeschlagen. Ein Armeesprecher, Alexej Dmytraschkowskij, sagte der F.A.Z. dazu, an sich seien die Streitkräfte angehalten, nur auf klar identifizierbare militärische Ziele zu schießen. Es herrsche aber „Krieg“, und er könne nicht ausschließen, dass solche Dinge vorkämen.

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